Die Entdeckung des wahren Laufens
Crosslauf: Der Spaß geht vor

Bericht von Helmut Zitzmann 2006

Dreckig, schlammig, nass und kalt, auf unebenem Untergrund laufend, immer in Gefahr, sich durch einen Sturz oder Umknicken zu verletzen – so stellte ich, der schon etwas in die Jahre gekommene Straßenläufer, mir einen Crosslauf vor. Bisher hatte ich noch keinen Geländelauf – so hieß das in meiner Jugend – absolviert. Und anfangs war ich der Meinung gewesen, das sei nicht mehr das Richtige für meine Senioren-Altersklasse.

Andererseits war ich in den fünf Jahren, die ich dem Laufsport inzwischen nachging, zu der Einsicht gelangt, dass die ständige Rennerei auf glattem, hartem Untergrund mit der Zeit eintönig wird. Es war nicht etwa die Angst vor Gelenkschäden. Dazu hatte ich mich zu gut informiert und wusste, dass bei einem vernünftigen Trainingsaufbau über Jahre hinweg bei orthopädisch Gesunden hier nichts zu befürchten war.

„Teer ist ungesund“ – auch der nicht tot zu kriegende Spruch trifft bestenfalls zu für die Inhalation in die Lunge, nicht aber für die Bewegung auf selbigem Untergrund. Das hielt ich schon lange für eine Mär, ähnlich dem Aberglauben an die höhere Fettverbrennung beim Walken im Vergleich zum Laufen.

Gerade bei höheren Laufumfängen hatte ich eher die Erfahrung gemacht, dass die unebenen Böden zwickende Schienbeine und andere Probleme nach sich ziehen konnten. Auf Asphalt dagegen fühlte ich mich sicher. Aber immer nur sicher? Schlug da nicht auch ein Herz in meiner Brust für „no risk – no fun“?

Die ersten Emanzipationsversuche vom Straßenlaufsport als einzige Bewegungsform hatte ich schon erfolgreich hinter mir. Inzwischen gehörte ich auch zu den Rad- und Inlinerfahrern. Besser gesagt zu den Rennradfahrern und Speedskatern. Schließlich hatte ich mich auch hier schon aus einem Wochenend-Freizeitfahrern weiterentwickelt. Davon zeugten auch die entsprechenden Narben an Armen und Beinen.

Laufen aber blieb die Haupt- und Lieblingsdisziplin. Allerdings waren mir in letzter Zeit bei den langen Läufen seltsame Gedanken gekommen. Wie das halt so ist, dachte ich, wenn man ins Meditieren kommt. Wieder einmal fragte ich mich, was ich hier eigentlich tat. Die Straßen und Radwege waren gebaut worden für Fahrzeuge. Für die hohen Geschwindigkeiten ist ein glatter Belag wichtig.

Um von A nach B zu kommen hat der Mensch enorme technische Fortschritte in den letzten hundert Jahren erreicht. Jetzt, zu Fuß, war ich drei Stunden unterwegs, um 35 Kilometer zu absolvieren. Dafür hätte kein Quadratmeter Natur versiegelt werden müssen. Mit dem Auto wäre das in einer halben Stunde erledigt. Selbst mit den umweltfreundlichen Fahrrädern oder Inlineskates würde ich unter eineinhalb Stunden bleiben und hätte durch die Bewegung auch etwas getan für meine Gesunderhaltung.

Warum also zu Fuß? Laufen wäre doch eher prädestiniert für die Strecken, die für Fahrzeuge nicht oder nur schlecht geeignet sind. Laufen nur da, wo Technik versagt: Mitten durch den Wald, über unebene Wiesen und rutschige steile und enge Anstiege hinauf. Das wahre Laufen. Die reine Lehre. War der Straßenläufer auf dem langen Weg über den Asphalt zum Philosophen mutiert? Trotz gewisser Bedenken und der Überwindung, die es zunächst kostete, hatte ich mich schließlich für Januar zu einem Crosslauf angemeldet - was heisst zu einem? Gleich eine Serie von drei musste es sein.

Da stand ich nun in einem Häuflein Unerschrockener und wartete frierend auf den Startschuss. Die Strecke hatte ich nur in der Nähe des Startbereiches besichtigt. Ich wollte mich überraschen lassen. Der erste Eindruck schien dem zu entsprechen, was ich mir vorgestellt hatte. Nur die vereisten Wegabschnitte fürchtete ich etwas mit meinen einfachen Trail-Laufschuhen. Einige Teilnehmer hatten spikesbewehrte Sohlen. Mit denen würde ich wohl nicht mithalten können.

Der Startschuss schreckte mich aus den Gedanken hoch. Der Pulk setzte sich rasant beschleunigend in Bewegung – wieder viel zu schnell für die meisten. Der erste Abschnitt führte über eine sumpfig-nasse Wiese. „Ah – schön!“ dachte ich, der Straßenläufer, der jetzt keiner mehr war. Der tiefste Punkt der Wiese war mit Wasser gefüllt und hatte sich in eine große Schlammpfütze verwandelt. Die braune, matschige Soße spritzte mir um die Ohren.

„Jetzt bin ich ein richtiger Crossläufer!“ jubilierte ich innerlich. Gleich so, als wäre die „Dusche“ mit der braunen Brühe eine Taufe gewesen. Die Taufe zum Crossläufer! Ich begann laut zu lachen Wie ein Kind freute ich mich und musste einen Moment etwas langsamer rennen, um Luft zum Lachen zu haben.

Dann ging es bergauf, erst gemächlich, dann immer deutlicher. Schließlich wurde es so steil, dass ich auf dem morastigen, mit nasser Laubstreu bedeckten und mit hervorstehenden Wurzeln durchzogenen Boden nach einem Schritt aufwärts gleich wieder einen halben zurückrutschte. Hier begannen etliche Teilnehmer schon in den ersten Runden zu gehen.

Auf dem Hügel folgte ein großteils schneebedeckter und vereister Waldweg mit einer scharfen Biegung, die fast einer Wende gleichkam und wieder abwärts führte. In dieser glatten Kurve hätte ich mir auch Schuhe mit Spikes gewünscht.

Sechs Runden waren zu laufen. Der Schlammgraben machte immer Spaß. Der Anstieg jedoch verdarb mir allmählich die neu gewonnene Freude. Aber den Berg hinauf zu gehen wie die viele andere, das ging dann doch gegen meine Ehre! Bis zur letzten Runde quälte ich mich im Laufschritt hinauf, auch wenn ich zuletzt kaum noch schneller voran kam als die Geher. Und ich redete mir immer wieder ein, dass es ein hervorragendes Krafttraining ist.

Der Zieleinlauf versöhnte mich dann wieder mit der neuen Erfahrung Crosslauf. Es ging schön bergab, der Schnee war fest und gut zu laufen. So konnte ich mit weit ausholenden Schritten durch das Ziel sprinten. Danach? Da hatte die Waschmaschine ordentlich zu tun und ich war glücklich und fühlte mich einfach toll. Auf den zweiten Lauf der Serie freute ich mich, auch wenn zeitgleich ein Straßenlauf über 15 km stattfand, der besser in meine Marathonvorbereitung gepasst hätte. Der Spaß geht vor!