Leipzig Marathon 2003

Ein Bericht von Helmut Zitzmann

Für das Jahr 2003 stand wieder die Entscheidung an: Welchen Frühjahrsmarathon laufen? Für den vierten ”langen Kanten” sollte es mal wieder etwas Neues sein – nach zweimal Regensburg und einmal Dresden.

Vorbereitung

Die Wahl fiel auf Leipzig und den 13. April 2003. Um mich selber zu motivieren, entschied ich mich für eine frühzeitige Anmeldung. Zudem waren bis zum 31. Januar noch günstigere Gebühren zu entrichten (23,- Euro). Also meldete ich noch im Januar online. Das ging recht komfortabel über einen Service von ”Championchip.de”. Der Vorgang wurde mit einer ”Buchungsnummer” bestätigt..

Information

Die Homepage des Leipzig Marathon war aber ansonsten ein eher trauriger Anblick: Über Monate hinweg keine Veränderung, keine aktuellen Infos, keine einsehbare Starterliste, eine bis heute unverständliche Startseite mit einem hochhackigen, knallroten Plateau-Damenschuh, der schon beim Anblick Schmerzen in den Fußgelenken verursachte.

Auf Nachfrage wurde mir mitgeteilt, dass die Anmeldebestätigung erst Anfang April verschickt werde. Sie traf schließlich 5 Tage vor dem Start doch noch ein. Bis dahin musste einem die abgebuchte Teilnahmegebühr als Bestätigung reichen.

Vortag

Meine Anreise erfolgte am Samstag. Die Ankunft in Leipzig stimmte mich gleich positiv ein. Grund: Das herrliche Wetter und der Blick auf die Anzeigetafeln der Tankstellen: Die Benzinpreise lagen um acht Cent unter dem Regensburger Niveau!

Die Startunterlagen hatten mir zum Glück sehr fürsorgliche Verwandte besorgt, die gerade in der Stadt waren. Dort gab es eine große Party für die Bewerbung Leipzigs als Olympiakandidat – genau auf dem Platz, auf welchem die Unterlagen abzuholen waren. Neben der Startnummer und Verzehrbons befanden sich in einem Kuvert lediglich noch drei Werbebeilagen. Als Leipzig tatsächlich das Rennen um die Olympiakandidatur 2012 machte, brach in der Stadt Begeisterung aus: Es wurde gefeiert bis in den Morgen.

Marathon-Tradition in Leipzig

In der örtlichen Presse gab es interessante Informationen. Danach startete der erste Marathon auf deutschem Boden am 5.9.1897 in Leipzig (wo sonst). Das stand nachher auch auf der Medaille zu lesen. Damals, vor 106 Jahren, starteten nur Läufer aus Leipzig (Zahl nicht bekannt). Die Siegerzeit: 3:35:31. Am 3. Juli 1908 gab es dann einen offiziellen “Deutschen Marathonlauf” von der neu gegründeten DSBfA (Deutsche Sportbehörde für Athletik), ausgerichtet vom Club „Sportbrüder Leipzig“. Die Umstände waren aus heutiger Sicht derart ungewöhnlich, dass hier aus dem Zeitungsartikel zitiert sei:

Auszug aus der Leipziger Volkszeitung vom 12./13.4.2003, Autor: Gustav Schwenk:

“54 Meldungen gingen ein, aber nur rund 25 Prozent der angesagten Männer traten in Paunsdorf zum Lauf nach Bennewitz bei Wurzen und zurück an. Um auf der Landstraße in Richtung Dresden den Verkehr von Pferdefuhrwerken und anderen Fahrzeugen nicht zu behindern, hatten die Organisatoren aufgrund des Meldeergebnisses beschlossen, die Läufer in mehreren Gruppen mit Abständen von fünf Minuten auf die lange Fußreise zu schicken. Berittene Kampfrichter begleiteten die Läufer und stoppten bei Bedarf den Straßenverkehr.
Fairness wurde groß geschrieben. Als der spätere Sieger Arthur Techtow (Berlin) in der Nähe des Wendepunktes in Bennewitz den eine Gruppe vor ihm gestarteten Werner (Leipziger BC) einholte, wurde der als Favorit gestartete Lokalmatador von einem Wadenkrampf geplagt. Der 19-jährige Berliner hielt an und massierte die Beine seines schärfsten Konkurrenten. Wen wunderte es, dass Werner dem in 3:15:50 Stunden mit fast 20 Minuten Vorsprung siegreichen Techtow besonders herzlich gratuliert haben soll, nachdem er den für die kaum trainierten Männer sehr harten Lauf in 3:34:23 h beendet hatte.”

Startvorbereitung

Zunächst fiel das Fehlen von Toiletten im Startbereich auf. Auch die gut erkennbaren Mitarbeiter der Organisation konnten die Frage danach zumeist nicht beantworten. So wurden die Bäume in der Umgebung mal wieder gut gedüngt. Schließlich fand sich doch jemand, der erklären konnte, wo Toiletten waren: Im Zielbereich, etwa 500 m entfernt. Für Ortsunkundige wie mich schwer zu finden und von der Zahl her deutlich zu wenig.

Start

Neben dem Marathon waren am Sonntag noch ein Halbmarathon, ein 10-km-Lauf und ein Speedskating-Halbmarathon angesetzt sowie eine Schülerstaffel. Interessanterweise starteten alle zu völlig unterschiedlichen Zeiten. Die schnellen Inliner wie üblich zuerst, dann der Marathon noch vor dem Halbmarathon, obwohl beide über die selbe Strecke führten (Marathon zwei Runden). Zuletzt kam der 10er.

Der ”Halbe” startete 80 Minuten nach dem ”Ganzen”, sodass die Marathonis, die ihre erste Runde in 1:20 oder etwas langsamer absolviert hatten, mit dem gerade startenden Halbmarathon zusammentrafen. Ein klarer Vorteil dieses Verfahrens: Die zweite Runde war nicht so langweilig wie bei den Stadtmarathons mit ”Massenstart”. Dort ist es so, dass zu einem Zeitpunkt, an dem die 42 km allmählich hart werden, kaum noch Läufer, Musiker und Zuschauer da sind (hier von Anfang an nicht zahlreich). Das ständige Überholen motivierte dann auch, war aber oft nur durch Zickzacklaufen möglich.

Strecke

Kein Vergleich mit Dresden! Eine klare Streckenführung, wenig Kopfsteinpflaster, fast ausschließlich Asphalt, keine sich überschneidenden Laufstrecken (in Dresden wäre ich beinahe mit einem Spitzenläufer kollidiert, weil die eingeteilten Ordner nicht aufgepasst hatten). Allerdings führte ein öder, langer Abschnitt über eine Stadtautobahn. Musikbands und Zuschauerzahlen entsprachen nicht den Erwartungen. Hatten die ihr Pulver schon am Vortag verschossen? Neben einer Trommlergruppe am Start hatte ich auf der Strecke nur noch eine Blaskapelle bemerkt (oder waren es zwei?). Zuschauer gab es außerhalb des Start-/Zielbereiches nur wenige, die applaudierten aber zum Teil recht ausdauernd und freuten sich über ein Lächeln oder ein Danke der Läufer.

Einige Steigungen waren als “Bestzeiten-Sperren” eingebaut und wirkten hier besonders in der zweiten Runde. Dafür entschädigten die freundlichen Helferinnen und Helfer an den Getränkeständen. Davon gab es etwa alle fünf Kilometer einen. Etwas weniger aufmerksam waren die Helfer im Zielbereich. Die Medaille wurde mir nicht wie gewohnt gleich umgehängt. Ich musste erst nach einer “Verteilerin” suchen. Es hätte wohl auch niemand gemerkt, wenn ich mehrere Personen angesprochen und dann zwei oder drei von diesen Erinnerungsstücken mitgenommen hätte.

Zielbereich

Jeder Teilnehmer konnte sich sofort seine Urkunde ausdrucken lassen. Eine Wartezeit von etwa einer halben Stunde war dafür aber schon erforderlich. Die Platzierung stimmte nicht unbedingt mit der später im Internet veröffentlichten Liste überein, die Zeiten schon. Was komplett abging, waren Duschen! Die waren aber schon in den Startunterlagen nirgends erwähnt. Also: Mit dem Handtuch trocken abrubbeln und Dusche zu Hause nachholen. Ein bisschen Improvisation muss schon sein.

Alle Veranstaltungen zusammen (inkl. Schülerstaffel) hatten über 4.800 Teilnehmer. Von den 440 Marathon-Finishern waren 49 Frauen, 391 Männer. Der schnellste Mann war Mykola Rydik aus der Ukraine (M30) in 2:17:50, die schnellste Frau eine Leipzigerin, Tanja Semjonowa (W40!) in 2:58:01. Eine Art Schulmeisterschaft waren die Schülerstaffeln. Mannschaften verschiedener Schulen der Region traten gegeneinander an. Auch eine interessante und lobenswerte Art, den Laufsport dieser Altersgruppe näher zu bringen.

Fazit

Trotz einiger organisatorischer Defizite (deutlich weniger als befürchtet) eine insgesamt positiv zu bewertende Veranstaltung in angenehmer Atmosphäre.

Wen es nun noch interessiert, wie es dem Autor dieser Zeilen während seines Laufes erging, der sei eingeladen, weiterzulesen. Für die anderen ist der Bericht hier zu Ende.

Training

Bisher hatte ich noch keinen Marathon so zeitig im Jahr bestritten. Deshalb waren mir auch die Probleme neu, dass Trainingseinheiten wegen Witterungsbedingungen ausfallen mussten. Eine geregelte Vorbereitung war bei Glatteis und unebenen Eispanzern auf den Wegen kaum möglich. Letztere verursachten bei langen Läufen auch leichte Gelenkprobleme, die zu ungeplanten Regenerationspausen zwangen. Erst etwa sechs Wochen vor dem Start hatten wieder reguläre Trainingsbedingungen eingesetzt.

Zeit und Rennverlauf

Guter Dinge stand ich im üblichen Startgedränge. Den Chip in die Schuhe geschnürt, den Bauch noch schnell mit einem halben Liter Wasser gefüllt. Eine Aufstellung nach Leistungsniveau gab es nicht. Viele schwächere Läufer hatten sich weit vorne eingereiht, obwohl die Nettozeit über den Chip erfasst wurde. Doch es waren nicht so viele, dass eine echte Behinderung entstand.

Diesmal wollte ich einmal nicht auf Sicherheit laufen, sondern ein gewisses Risiko eingehen. Mein geplantes Tempo hatte ich schon relativ hoch angesetzt. Deshalb hatte ich mir fest vorgenommen, dieses tatsächlich einzuhalten. Meinen Adrenalinspiegel konnte ich deutlich spüren. Nach dem Startschuss rannten wie üblich alle erst einmal viel zu schnell los. Ich hielt mich etwas zurück (meinte ich) und ließ Leute überholen, bei denen es mir schwer fiel, sie ziehen zu lassen. Meine Befürchtung, nach einem Kilometer ein zu langsames Tempo feststellen zu müssen, erfüllte sich nicht - ganz im Gegenteil.

Meine Disziplin ließ dann auch zu wünschen übrig. Ich hatte das Ganze wohl doch zu locker gesehen, hatte sooooo ein gutes Gefühl. Der Respekt vor der langen Strecke blieb auf derselben. Doch er sollte sich bitter zurückmelden. Kilometer für Kilometer überholte ich - zunächst. Eine neue Bestzeit war angestrebt - warum nicht noch gleich ein paar Minuten schneller? Bis Kilometer 15 ging das so gut, dass ich das Tempo beibehielt. Jetzt wollte ich wissen, ob ich das wirklich durchziehen konnte.

Nach der Hälfte der Strecke bemerkte ich aber schon erste Anzeichen von Schwäche. Bis Kilometer 25 hatte ich noch immer das Gefühl, eine Spur schneller laufen zu können. Ab Kilometer 30 ging es dann mit der Geschwindigkeit allmählich bergab. Neun Kilometer vor dem Ziel war mir klar, dass ich das Tempo nicht mehr annähernd würde halten können. Zwischen Kilometer 35 und 36 begann der Einbruch. Während der letzten Kilometer musste ich alles geben, um überhaupt noch laufen zu können - das Tempo spielte da schon keine Rolle mehr. Es wurde immer schwerer, den Körper zum Durchhalten zu zwingen.

Dem sehnlichen Wunsch nach einer Gehpause hielt ich stand. Das konnte mein Stolz dann doch nicht zulassen! Die Zeit, die ich in der ersten Runde hereingelaufen hatte, ging am Ende doppelt und dreifach wieder verloren! Nichts war es mit ”Was du hast, das hast du“.

Auf den letzten 1000 Metern schien mein Körper die letzten Hormone zu mobilisieren, denn jetzt ging es wieder ein wenig schneller. Wobei von ”schnell” hier nicht mehr gesprochen werden konnte. Die Zeit: 3:18:57. Vier Minuten langsamer als geplant und wohl auch möglich gewesen wäre. Aber immerhin: Geschafft! Und für den Einbruch noch achtbar aus der Affäre gezogen. Später habe ich dann nachgerechnet, dass ich im letzten Viertel des Rennens gut 10 Minuten ”liegen gelassen” habe.

Fazit: Risiko und Disziplinlosigkeit haben sich nur insofern gelohnt, dass ich eine für mich neue Erfahrung machte durfte: Wie weh es tut, wenn die ersten Kilometer zu schnell angegangen werden. Aber im Herbst werde ich es noch einmal versuchen. Diesmal wieder etwas mehr auf Sicherheit, zumindest bis km 35 (oder 30?). Der Spaß darf aber auch nicht zu kurz kommen. Letzte Sicherheit wird es sowieso nicht geben, da einfach zu viel passieren kann beim Abenteuer Marathon - nicht nur in Leipzig.