„You will do it“ - Bericht vom New York City Marathon 1997

(Du wirst es schaffen)

Geschrieben für die Freunde des Lauftreff Hainsacker
von Dirk Limann

 

1. Die Idee
Irgendwann im Sommer 1996 geisterte in Hainsacker durch einige Köpfe die Idee, am New York City Marathon teilzunehmen. Viele von uns Marathonläufer deuteten lächelnd an, daß dies eine tolle Sache wäre. Aber durch den finanziellen und zeitlichen Aufwand und die familiären Zugeständnisse rechnete niemand mit einer größeren Teilnehmerzahl. Angebote von Sportreisen wurden eingeholt. Und am Ende hatten tatsächlich 22 Personen den Flug über den großen Teich gebucht! Abzüglich der Begleiter brachten wir 14 Läufer auf die Beine. Vier Läuferinnen waren unter uns (Angela, Brigitte, Monika, Sandra) und Hans gab sein Debüt als Marathonläufer.

2. Die Reise
Am 30. Oktober 1997 war es dann soweit. Nach und nach trudelten alle im Münchner Abflugterminal ein. Das Einchecken war flott und schon waren wir, zusammen mit Dutzenden von anderen Sportlern mit dem selben Ziel, in der Luft. Insgesamt war Deutschland das teilnehmerstärkste Land an diesem internationalen New York City Marathon.
Am Anfang hing jeder sinnierend in seinem Sitz. Beschäftigt mit den Gedanken, daß eine Idee, ein Traum Wirklichkeit geworden war. Wir waren auf dem Weg zum größten Marathon der Welt. Für viele das erste Mal in einem so weit entfernten Kontinent. Später ging der Flug dann fröhlich seinem Ende zu.
Einchecken im Zentrum von Manhattan im Hotel "The New Yorker". Eine gemeinsame Verabredung war bei dem Trubel und der Aufgeregtheit nicht möglich. Alleine oder in kleinen Gruppen ging’s zum Abendessen. Alois, Hans, Monika, Sandra, Jenny und ich hatten schräg gegenüber in einem chinesischen Fast-Food-Restaurant ein asiatisches Dinner. Dem Hans hat’s nicht so geschmeckt, der Sandra um so mehr. Dieses Restaurant sollte später die Stammkneipe der Hainsackerer werden.
Der Alois ist dann noch zum Times Square gelaufen. Susi, Günter und unser größter Fan, der "Mass Opa", fuhren zum Empire State Building, um New York von oben zu bewundern, eingetaucht in ein Lichtermeer. Der Rest hat sich um billige Jeans, T-Shirts oder Laufschuhe gekümmert.

3. Der Freitag
Gegen 9.00 Uhr marschierten wir alle zu einer Infoveranstaltung unseres Reiseveranstalters. Allerlei Nützliches zum Aufenthalt, Sightseeing, und vor allem der Ablauf des Marathons wurden uns erzählt.
Im Durcheinander war es wieder nicht möglich, unsere Gruppe zusammenzuhalten. Ein größeres Häuflein machte sich zu Fuß auf den Weg. Zuerst auf der 7. Avenue, der Haupt-Einkaufsstraße, hinauf zum berühmten Times Square am Broadway mit den vielen Kinos und Theatern.
Weiter zum Pier 83 der Circle Line. Die hier beginnende, dreistündige Schiffstour einmal ganz um den "Big Apple" (Insel mit den Stadtteilen Manhattan und Harlem) war bei herrlichem Sonnenschein ein Genuß. Die phantastische Silhouette der Wolkenkratzer von Manhattan mit dem krönenden Abschluß der zwei Doppeltürme des World Trade Center hielten uns gefangen. Bei frischem Wind ging’s hinaus zur Freiheitsstatue, dem Symbol der Freiheit für Millionen von Einwanderern, die einst per Schiff in dieses große Land kamen. In der Ferne majestätisch die Verrazano Narrow Brücke, der Startpunkt für den Marathon. Mein Gott: war die weit weg!
Den East River ging’s dann hinauf, rechter Hand Brooklyn und Queens. Mehrere gigantische Brücken verbinden diese beide Stadtteile mit Manhattan. Nach Einbiegen in den Harlem River befand sich links von uns der gleichnamige Stadtteil und rechts die Bronx. Die Silhouette von Harlem war geprägt von hohen Hügeln, schwarzen Felsen, grünen Parks und den Elendsbehausungen aus Wellblech und Pappe - die andere Seite von New York.
Über den Hudson River ging’s wieder zurück zum Pier.
Ein weiterer Fußmarsch brachte uns zum Columbus Circle an der Ecke des Central Park. Im Coliseum holten wir unsere Startunterlagen ab. Es ist wirklich bewundernswert, wie durch ein Einbahn-Wegesystem und vielen Helfern die Massen von Läufern ohne Zeitverzögerung zu ihren Sachen kamen. Auch die Marathonmesse war ähnlich aufgebaut.
Jetzt noch zu Fuß zurück zum Hotel? Die meisten streikten. Runter in die U-Bahn. In Nullkommanichts waren wir da. Die "Subway", gegenüber früheren Zeiten jetzt sauber und sicher, wurde fortan unser favorisiertes Transportmittel.
Etwas ausruhen. Viel Zeit war nicht. Sammeln zur Fahrt nach Greenwich Village zur Haloween Parade. Haloween ist der Tag an dem Geister, Hexen, Vampire und Skelette ihr Unwesen treiben. Symbol ist der ausgehöhlte Kürbis mit dem Fratzengesicht. Die Parade wird in dem liberalen New York von dem Transvestiten-Verein organisiert. Deren Männer haben dabei eine gute Gelegenheit, sich in ihren Frauenverkleidungen öffentlich zu präsentieren. Für mich waren die Maskeraden zu plump. In Asien habe ich perfektere "Damen" gesehen. Auch die übrige Parade wurde nach einiger Zeit kitschig. Aber die Amis lieben so etwas, wie auch Disneyland und Mickey-Mouse. Über eine Stunde standen wir, bis es losging, eine weitere Stunde haben wir zugeschaut, dann hat’s gereicht. Mein verletztes Knie schmerzte fürchterlich und die Füße brannten von dem langen Laufen und Stehen. Nichts wie weg, todmüde zurück zum Hotel.

4. Der Samstag
Er begann grau verhangen. Vormittags stand der Internationale Freundschaftslauf auf dem Programm. Großes Sammeln der Läufer, teilweise mit Partnern und Kindern, auf der Terrasse vor dem Gebäude der Vereinten Nationen. Es gab eine Begrüßungsansprache. Dann der 8-Kilometer-Lauf, "just for fun", über die 42. Straße zum Central Park. Ich lief nicht mit. So nahm ich meine Kamera und wohlweislich auch einen Regenschirm und fuhr zum Park. Dort bekam man dann schon einen Vorgeschmack auf den eigentlichen Marathon, was die Anzahl der Teilnehmer betraf (etwa 10.000 bis 15.000), als auch das Wetter: es begann zu regnen. Der Himmel war dunkelgrau. Am Columbus Circle bildeten sich große Pfützen. Der Strom von durchweichten Läufern nahm kein Ende. Nach zirka einer halben Stunde sichtete ich unsere Mannen und Frauen. Ein paar schnelle Fotoschüsse und schon waren sie in dem herbstlichen Park untergetaucht. Noch eine Runde und am Zieleinlauf erwischte ich sie noch einmal, um dann gemeinsam das letze Stück im Gehen zu beenden. Bei immer heftiger werdendem Regen hatte ich Mühe, noch die Unseren zu einem Gruppenfoto unter einem feuerroten Ahornbaum zu bringen, als es richtig losging. Ein rauschender Platzregen ließ alle in die U-Bahnschächte flüchten, und so fuhren wir durchnäßt zurück zum Hotel.
Kurzes Mittagessen, denn es ging schon wieder weiter im Programm mit einer vierstündigen Busfahrt und einer humorvollen Wienerin als Führerin. Viele historische und neue Gebäude, Kirchen, Parks, Brücken und der Hafen wurden uns gut verständlich erklärt. Das Wetter war ein Jammer. Es regnete die ganze Zeit in Strömen. Während der Tour waren mehrere Stops zum Aussteigen vorgesehen. Aber die Frage unserer charmanten Begleiterin, ob wir aussteigen wollen, beantwortete sie schnell selbst: "Wir fahren weiter". Sie wollte offensichtlich nicht naß werden und wir ebenso.
Zwischen 16.30 und 21.30 Uhr sollte eine Pasta-Party im "Tavern on the Green" im Central Park stattfinden. Keiner hatte Lust, über aufgeweichten Boden durch ein Zelt mit Essensempfang und kurzem Verzehr hindurchgeschoben zu werden.
Jenny und ich hatten ein chinesisches Abendessen mit viel Nudeln und Gemüse ("carbo loading"). Nach dem Herrichten meiner Marathonsachen gingen wir früh zu Bett.

5. „Der Tag“
Über den grauen Wolkenkratzern von New York dämmert ein ebenso grauer Morgen. Doch für mich sollte es heute ein ganz ergreifender Tag werden. Eigentlich hätte ich gar nicht hier sein sollen. Ein Meniskusschaden hatte mich vor ein paar Monaten "kampfunfähig" gemacht. Aber die Reise war bezahlt, und das Spektakel des Brückenstartes hatte ich mir nicht entgehen lassen wollen.

Hunderte von Busse spucken die Teilnehmer am Start auf Staten Island aus, dem ersten Stadtteil von den insgesamt sechs, die wir durchlaufen werden.
Der Himmel bleiern und nebelverhangen, der Grasboden schlammig, die Füße in Plastiktüten gewickelt, die Körper in alten Klamotten, kein Durchkommen zum längsten Urinal der Welt, Schlangestehen vor den hunderten von Toiletten. Essen, trinken, auf Plastikplanen sitzend und liegend, Gejohle, stille Meditation, Uringeruch - das Startgelände gleicht einem riesigen Heerlager.
Zum ersten Mal wird die geballte Kraft von zehntausenden von Läufern sichtbar. Als sich der Weg zur Abgabe der Wechselsachen als zu eng erweist, wird ein langes Stück Zaun einfach niedergemacht.
Aufstellung in Blöcken in drei verschiedenfarbigen Startbahnen. "Rot" sind unsere Frauen. Der Max und Hans sind "Grüne", der Rest von uns ist "Blau".

Geknatter von Helikoptern, ein Kanonenschuß. Nach wenigen Minuten wälzen sich 31.000 Läufer auf die doppelstöckige Verrazano Narrow Bridge, die zu beben beginnt. Auf neun Fahrspuren der erste Anstieg zum Scheitelpunkt in 82 Metern Höhe. Nach 2 Kilometern Ankunft in Brooklyn. Mit den ersten Häusern säumen auch Menschen die Strecke, zu beiden Seiten in dichtem Spalier. Die Begeisterung der zirka 500.000 New Yorker ist phänomenal und läßt uns bis ins Ziel nicht im Stich. Rufe ertönen:

„You will do it,    you will do it“ (Du wirst es schaffen)

Ich wollte zwar ursprünglich hier wegen meiner Knieverletzung Schluß machen, aber auf einer Woge von Anfeuerungen weitergetragen und im Sog von Läufern aus aller Herren Länder kann man nicht einfach aufhören. Knieschmerz hin oder her: ich werde noch bis Kilometer 10 mitmachen.

„Go, go, go,    you will do it“ (lauf, lauf, lauf, ... )

Gerade auf der 16 Kilometer langen Strecke in Brooklyn ist das kosmopolitische Gemisch der verschiedensten Rassen, die in NY leben am beeindruckendsten. Waren es am Anfang mehr europäische Weiße, geht es jetzt nahtlos über zu schwarzen Afrikanern, gelbhäutigen Asiaten, braunen Mexikanern und dunkelbärtigen Juden. Bisher lautes Gejubel, Kinderhände zum Abklatschen und farbenfrohe Kleidung ... Im jüdischen Viertel dagegen herrschen Ordnung und Stille. Der Familienvater, ernst dreinblickend, auf der linken Seite. Daneben, wie Orgelpfeifen aufgereiht, die Kinder. Alle in einheitlich schwarzen Mänteln, Schnallenschuhen und Kopfbedeckungen. Dahinter, das Gesicht fast verdeckt mit einem Schal, die Mutter. Auf den Kindergesichtern ein gequältes Lächeln. Wie gerne würden auch sie die Hand rausstrecken und uns zurufen. Aber der strenge Blick des Vaters läßt das nicht zu.

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Es ist ein Volkslauf. Niemand scheint sich für die Zeit zu interessieren. Seelenruhig wird angehalten, um ein paar Aufnahmen mit einer mitgetragenen Kamera zu machen. Gruppenfotos werden arrangiert. Haloween-verkleidete Läufer treiben ihren Unfug. Zwei Männer in einer lebensgroßen Attrappe eines Nashorns machen auf diese bedrohte Tierart aufmerksam. Vier Männer, identisch angezogen mit schwarzem Anzug, Hut und weißen Gamaschen, präsentieren sich als Al-Capone-Gangster. In den Seitenstraßen stehen Toilettenhäuschen. Schlangestehen, um sich zu erleichtern. Das alles während eines Rennens. Wen juckt’s?

„Come on, come on,    you will do it“ (Auf geht’s, ... )

Kilometer 10. Zeit: 1 Stunde und 10 Minuten. Schnitt: 7:00 Minuten pro Kilometer. Mein Knie tut weh. Ich humple. Aufgeben? Das ist nicht möglich. In dieser Kulisse ist man eingebunden. Schmerztablette. Ob ich’s noch bis Kilometer 20 schaffe?
Viel Musik ist zu hören. Rockbands heizen die Stimmung an, Schulorchester spielen Volkstümliches, und aus Fenstern quellen übersteuerte Hit-Songs. Tina Turner singt:

„You’re simply the best“ (Du bist einfach der Beste)

Vor mir, bei Kilometer 13, überholt die Vierergruppe Alois, Franz, Günter und Wolfgang den Sepp, der nach seiner Fußverletzung noch nicht ganz fit ist. Am Anfang der 4. Avenue hat Rupp in die Frauenspur hinübergewechselt und läuft jetzt mit Sandra und Brigitte gemeinsam. Auch ein langsameres Tempo, da Sandra Probleme mit Ihrem verletzten Fuß hat. Rupp baut sie auf: "Der Fred Lebow (Gründer dieses Marathons) ist die Strecke trotz seinem Krebsleiden gelaufen, dann wirst du das auch noch schaffen!"

„Keep on running,    you will do it“ (Laufe weiter, ... )

Die Getränke und Verpflegungsstellen sind ausreichend und gut bestückt. Erstaunlich, ich laufe ja fast am Ende, 25.000 vor mir, aber bis zum Schluß werde ich ausreichend versorgt. Allerdings gibt es manchmal Wasser direkt aus der Leitung. Pfui Teufel, schmeckt das Zeug nach Chlor! Lieber greife ich zu den von den Zuschauern angebotenen Getränken.

„You are looking great,    you will do it“ (Du siehst großartig aus, ... )

Kilometer 20. Zeit: 2 Stunden und 20 Minuten. Wieder ein 7:00er Schnitt. Weit weg im Central Park laufen die Ersten schon ins Ziel. (Der Kenianer John Kagwe, Zeit: 2 Stunden und 8 Minuten. Die Schweizerin Franziska Rochat-Moser, Zeit: 2 Stunden und 28 Minuten.) Mein Gott: und ich bin gerade mal in Queens angekommen! Das Knie schmerzt fürchterlich. Einladend stehen viele Tragen neben den Erste-Hilfe-Fahrzeugen. Schluß, Hinlegen, zurückfahren lassen? Es geht nicht. Eine unsichtbare Kraft treibt mich vorwärts. Ich könnte ja 'was versäumen. (Ich hätte es.)

„Go, go, go,    you will do it“ ( ... )

Beim Halbmarathon-Punkt geht’s wieder aufwärts, über die Pulaski Bridge. Beim Runterlaufen höllische Schmerzen. Plötzlich ein Knall! Aus einem geplatzten Feuerwehrschlauch schießt eine Wasserfontäne über die Straße. Alle bleiben stehen. Nur nicht die Schuhe naß kriegen, sonst bekommt man Blasen! Eine lächerliche Sorge, denn kurz danach beginnt es zu regnen. Auf der Brückenauffahrt zur Queensborow Bridge steht eine Frau und ruft uns lächelnd zu:

"Now you are leaving Queens,
I wish you the best for the rest of the race,
you will do it"
(Ihr verlaßt jetzt Queens,
ich wünsche Euch das Beste für den Rest des Laufs,
 ... )

Die riesige, doppelstöckige Brücke ist einschließlich der Rampen fast 2 Kilometer lang. Wir laufen in der unteren Etage. Zu beiden Seiten wird der Himmel dunkelgrau. Der Regen wird heftiger. Noch sind wir von der über uns verlaufenden Fahrbahn geschützt. Aber durch einige Öffnungen klatscht das Wasser herab. Nach dem Verlassen der Brücke sind wir dem Regen völlig ausgesetzt.
Wir tauchen zwischen die Wolkenkratzer von Manhattan ein und da sind wir: auf der legendären First Avenue. Hier könnte ich eigentlich aufhören. Nur ein Katzensprung zum Südende des Central Park, dem Ziel. Aber von einer euphorischen Menschenmasse begrüßt, die lückenlos hinter den Absperrgittern steht, wäre es ein Frevel, jetzt aufzuhören. Das Bad in der Menge ist hier im doppelten Sinne zur Wirklichkeit geworden.

„You are looking good,    you will do it“ ( ... )

Es wird schwarz. Donner grollen. Es schüttet. Die First Avenue ein brodelnder See. Die Unebenheiten der Straße nicht mehr erkennend tritt man manchmal und unvorgesehen in eine Vertiefung oder auf einen Buckel. An gleichmäßiges Laufen ist nicht zu denken. Die Schuhe füllen sich mit Wasser. Aber keiner gibt auf. Weder die Zuschauer, noch langsame oder verletzte Läufer. Nicht der Blinde, der Epileptiker oder der übergewichtige Geher. Auch nicht der Mann mit der Beinprothese, der Junge auf Krücken, das Mädchen im Rollstuhl, der Spastiker in seinem Elektrofahrzeug. Es sieht aus als ob ein 40 Meter breiter und 5 Kilometer langer bunter Fleckenteppich, gewoben aus Menschen, über die First Avenue gezogen würde.
Aus einem Lautsprecher Bonnie Tyler:

„I am looking for a hero“ (Ich suche einen Helden)

Die Avenue fällt über eine Länge von 3 Kilometern in eine Senke ab.
Kilometer 30. Zeit: 3 Stunden und 40 Minuten. Habe für die letzten 10 Kilometer 1 Stunde und 20 Minuten gebraucht (Schnitt von 8:00 Minuten pro Kilometer). Das lange Gefälle von der Brücke bis hierher und das unruhige Laufen haben meinem Knie den Rest gegeben: Es tobt. Ich bin fertig. Es regnet immer noch. Wohin - kalt und naß? Zweite Schmerztablette. Weiter.

„You will do it,    you will do it“ ( ... )

Vor 6 Minuten ist der Max als erster der Unseren durchs Ziel gelaufen. Zeit: 3 Stunden und 34 Minuten.
Während der nächsten 25 Minuten, bei denen ich immer noch auf der First Avenue in Richtung Norden unterwegs bin, beenden die meisten Hainsackerer bei strömendem Regen das Rennen.
Von der Vierergruppe setzt sich Wolfgang kurz vor dem Ende noch ab - 3 Stunden und 41 Minuten.
Es folgen Alois, Franz und Günter, Zeit 3 Stunden und 42 Minuten.
Dann der Sepp - 3 Stunden und 54 Minuten.
Zu der ersten Frauengruppe hat noch Hans bei Kilometer 36 aufgeschlossen. Die Sandra kämpft ebenfalls mit Schmerzen und wird langsamer. Brigitte setzt sich ab. Zeit 3 Stunden und 58 Minuten.
Danach sind Sandra, Hans und Rupp im Ziel, Zeit 4 Stunden und 4 Minuten.

„You will do it“ ( ... )

Die Strecke steigt wieder an. Vor mir und hinter mir verschmelzen die Läufer mit dem Regen. Die Zuschauerzahlen werden spärlich.
Stadtteil Harlem. Gedanken ans Abkürzen nach links zum Central Park. Ein Blick in die Straßen: Leer, schmutzig, kaputte Autos, verkommene Häuser. Nein, ich will nicht mit einem Messer im Rücken auf der anderen Seite ankommen. Also weiter geradeaus.

„You will do it“ ( ... )

Rechts eine Kirche. Eine Gruppe fülliger, schwarzer Frauen drückt sich an die Wand. Der kleine Baldachin gibt nicht genügend Schutz. Die glänzenden Talare über den gewaltigen Busen färben sich dunkel. Sind das vielleicht die Harlem Gospel Singers? Mit dröhnender Stimme singen sie:

„Oh happy day, ... oh happy day“ (Welch ein glücklicher Tag)

Applaus von den Läufern.

Das zweite Gewitter beginnt, sich auszutoben. Von der Auffahrt zur Willis Bridge rauscht ein knöcheltiefer Wildbach herunter. Das Wasser schießt bis zu den Schienbeinen empor. Von der Gegenfahrbahn schleudern Fahrzeuge Wasserfontänen quer herüber bis zum Brückengeländer. Wasser von oben, Wasser von unten, Wasser von der Seite - ich habe das Gefühl, durch eine Autowaschanlage zu laufen.
Am Ende der Brücke steht einsam und allein ein Schwarzer mit der Figur eines Basketball-Spielers. Mit triefendem Hemd, ausgestreckten Armen, Blendax-Lächeln und einer Stimme wie Pavarotti ruft er uns zu:

„Welcome to the Bronx, ... oh shit the rain“ (Willkommen in den Bronx, ... ach Scheiße, der Regen)

Nur eine kurze, fast menschenleere Route, dann geht’s wieder zurück über die Madison Bridge nach Harlem. Ein ausgebranntes Haus, fleckige Fassaden, gesplitterte Fenster, eine dunkelhäutige Mami sucht Schutz unter einem schiefen Vordach. Kein Lächeln, kein Rufen, traurige schwarze Kinderaugen. Dies ist die unterste Sprosse in der sozialen Leiter von NY.

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Keine 2 Kilometer, und ich bin in Manhattan am Nordende des Central Park. Szenenwechsel wie im Theater. Rechts der in buntes Herbstlaub gehüllte Park. Daneben Luxuswohnungen von Barbara Streisand, Arnold Schwarzenegger und Co. Was für ein Kontrast! Es hört auf zu regnen. Die Zuschauer mehren sich:

„You are looking great, ... you will do it“ ( ... )

Inzwischen ist Rudi im Ziel. Zeit: 4 Stunden und 28 Minuten.
Monika und Angela schaffen es gemeinsam in 4 Stunden und 30 Minuten.

Scharfe Rechtskurve in den Park. Gleich eine stramme Steigung. Ich laufe durch, aber alle anderen um mich herum gehen. Wie auf einer Achterbahn führt der Weg in Kurven auf und ab. Elendige vier Kilometer. Ärzte ziehen Taumelnde von der Strecke, schmerzverzerrte Gesichter, steife Beine, Muskelkrämpfe, Kotzen. Die volle Skala menschlichen Leidens wird hier sichtbar. Verdammt sei der, der den Marathon erfunden hat! Aber es gibt Lichtblicke: fetzenweise flattern Lautsprecher-Durchsagen vom Zieleinlauf hierher, blaue Löcher am Himmel, die Zuschauer kommen in Fahrt:

„Only two miles, ... you will do it“ (Nur noch 2 Meilen, ... )

Kilometer 40, Zeit: 4 Stunden und 55min, Schnitt: 7:30 Minuten pro Kilometer. Ich bin etwas schneller geworden. Mein Knie schreit: Aufhören! Ich ignoriere es. "Das lauf ich jetzt noch durch!" Freude, daß ich es schaffen werde.
Plötzlich gleißende Sonne. Was für ein verrückter Tag!

„You are going to finish, ... you will do it“ (Du bist bald im Ziel, ... )

Raus aus dem Park. Am Südende noch auf der Straße entlang zum Columbus Square. Das Denkmal so nah, aber doch so fern. Links ein dichtes Spalier von Angehörigen und Freunden der Läufer. Klatschen, Zurufe, Rasseln, Trommeln, Kuhglockengeläute. Fahnen aus der ganzen Welt. Tafeln und Banner mit Aufschriften in verschiedensten Sprachen und Schriften.

- Papi wir sind Stolz auf Dich -

Auf einer riesigen Videowand sehen wir uns selbst um die Kurve laufen. Wir sehen doch gut aus! Hier könnte Bonnie Tyler ihren "hero" finden. Wir sind alle Helden.
Wieder rein in den Park, nochmal eine nicht endenwollende Strecke bergauf bis zum Schluß.
Meine Zieluhr zeigt 5 Stunden und 14 Minuten.
Noch nie war ich bei einem Marathon so langsam und habe mich so geschunden, aber noch nie war ich danach so glücklich.

„You are a finisher, ... You did it“ (Du bist ein Finalist, ... du hast es geschafft)

Silberfolien-Umhang, Verpflegungstüte, Wechselsachen, Familientreff.
Eine überdimensionale, silbrig glänzende Raupe aus schweigenden und ausgepumpten Menschen kriecht durch den Central Park.
Unübersehbar ein großes Banner: Best wishes from Lauftreff Hainsacker.
Ich bin als letzter "zu Hause". Alle anderen Läufer von uns haben es auch geschafft!

Was für ein Lauf, was für ein Tag:
Freude, Niedergeschlagenheit und Schmerz. Nebel, Regen, Gewitter und Sonnenschein. Musik und Einsamkeit. Aufhören, Entscheiden, Weitermachen, Fluchen und Lachen. Hunger und Frieren. Überfluss und Elend. Glitzer und Dreck. Weiße, schwarze, braune und gelbe, fröhliche und traurige Gesichter. Gesunde, Kranke und Behinderte. Gigantische Brücken, Wolkenkratzer, Straßenschluchten, ausgebrannte Häuser. Finisher.

Finisher!

Es wird spät. Mit der U-Bahn zum Hotel. Heißes Bad. Eine Stunde schlafen. Verabredung mit einigen Lauftreff-Freunden zum Essen. Keiner hat mehr Lust, auszugehen. Stilvolles Abendessen beim Italiener im Hotel. Nach all den Kohlehydrat-Tagen schiebe ich mir ein großes Steak hinunter. Der Hans ist glücklich. Nach all dem Fast-Food endlich mal was "G'scheids zum Essn". Gute Stimmung.
Schon wieder Aufbruch. "Der Tag" ist noch nicht zu Ende. Auf zur Marathon-Disco-Party. Tanzen, viele Biere. Elegante Damen im kleinen Schwarzen und Stöckelschuhen. Aber wehe, sie müssen mal. Der Abgang zu den "rest rooms" (Toiletten) ist dann nicht mehr so elegant. Mit beiden Händen am Geländer, Stufe für Stufe mit verzogenem Gesicht. Der Marathon hat seine Spuren hinterlassen.

6. Der Tag danach
Jeder hatte so seine eigenen Sachen zu erledigen. Viele nutzten den Tag (sonnig blauer Himmel) für zusätzliches Sightseeing oder Einkaufen. Jenny und ich fuhren nach Chinatown um alle unsere asiatischen Lieblingsspeisen zu genießen.
Danach noch zum World Trade Center um vom Dach Aufnahmen des Lichtermeers in der rosa Abenddämmerung zu machen.
Letztes gemeinsames Treffen in unserer Stammkneipe. Riesige Stimmung. Der Rudi und der Hans schleppten ein "Six Pack" nach dem anderen heran. Bald waren Löwenbräu und andere europäische Sorten ausverkauft. Nicht genug, ließen wir uns nochmal an der Bar im Hotel nieder, bis sie geschlossen wurde.

7. Der Abschied
Der Dienstag war dann der Tag der Abreise. Wir zerstreuten uns in alle Winde.
Angela fuhr zu Ihrer Tante, Jenny und ich flogen nach Florida und der Rest Heim nach Deutschland.


„You will do it“ –
„We did it“


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