Ziel ist der Markusplatz

Abenteuer Venedigmarathon 2002

von Wolfgang Platzek

Endlich haben wir das Festland verlassen und beginnen, die Lagune zwischen Mestre und Venedig zu überqueren. Freilich stellt die Ponte della Libertá, die Brücke, über die Venedig mit dem Auto in wenigen Minuten zu erreichen ist, eine extreme Herausforderung an die seelische und körperliche Belastungsfähigkeit der Athleten dar: Du siehst die Stadt im Dunst, kannst schon einige Kirchen unterscheiden, passierst Kilometerpunkt um Kilometerpunkt – aber du hast den Eindruck, nicht näher zu kommen ... Kaputt sind fast alle, schließlich hat es für den 27. Oktober unglaubliche 19 ° Celsius und mehr als 35 km liegen schon hinter uns! Viele gehen, einige stehen am Straßenrand und versuchen, sich die Krämpfe aus den Unterschenkeln zu massieren, ein Sanka fährt mit Blaulicht und Martinshorn in die Gegenrichtung – scheinbar hat´s einen Läufer ganz besonders schlimm erwischt. „Jetzt nur nicht gehen!“ hämmere ich mir fieberhaft ein. „Jetzt nur nicht gehen!“ – auch wenn das Laufen mit jedem Schritt schwerer fällt und ich spüre, wie ich immer langsamer werde.

Begonnen hatte das Erlebnis „Venedigmarathon“ streng genommen schon fünf Jahre vorher: Wir hatten 1997 über Allerheiligen ein paar Tage Urlaub in Venetien gemacht. Und wir genossen das vergleichsweise milde Herbstwetter, machten Ausflüge zu den Sehenswürdigkeiten in der Umgebung, ließen´s uns gut gehen.
Dabei lernten wir zwei recht sympathische Engländer kennen, die uns dadurch auffielen, dass sie jeden Abend etliche Bierchen zischten – und das im Land des Weines! Eines Tages wollten sie uns sogar einen Sixpack schenken – sie hatten versehentlich alkoholfreies Bier gekauft! Durch die Gespräche erfuhren wir, dass einer der beiden am Marathon teilnehmen wollte: Es war natürlich Ehrensache, ihn zum Start nach Stra zu bringen. Ich hatte damals mit Sport im Allgemeinen und Laufen im Besonderen überhaupt nichts am Hut und schleppte ein Wohlstandsgewicht von gut 90 kg durch die Gegend. Die Stimmung vor dem Start, die Leute die sich warmliefen, die in meinen Augen damals ausgemergelten Gestalten der Marathonläufer, das alles wirkte zwar faszinierend, aber vor allem befremdlich auf mich. Innerlich spürte ich, das sei zugegeben, schon auch eine Riesenportion Neid auf Leute, die mal so eben 42,2 km laufen konnten, obwohl ich nach außen hin natürlich kundtat, all die Leute als Spinner und als Wahnsinnige zu betrachten ...

Nun, mittlerweile habe ich mit dem Laufen begonnen, die überflüssigen Pfunde sind dahingeschmolzen wie Butter an der Sonne, ich habe mich sogar mehrmals erfolgreich an den „Mythos Marathon“ gewagt und in meinem Gehirn spukte schon seit einiger Zeit Venedig – im Jahr 2002 wurde also aus einer fixen Idee endlich Wirklichkeit!

Falls sich jemand ernsthaft für den Venedigmarathon interessiert, dem sei gesagt: Leicht ist´s nicht, und damit meine ich nicht die Distanz! Die Marathonmesse mit Ausgabe der Startnummern und Pastaparty ist samstags in Mestre, Piazza Ferretto. Wer also, so wie wir, in Venedig wohnt, muss eigens dafür aufs Festland fahren. Nun ist ja Mestre mit etwa 200.000 Einwohnern nicht gerade eine Kleinstadt, es heißt also erstmal hinfinden.
Dann ist der Start in Stra, einem Ort kurz vor Padua. Für die Teilnehmer ist am Sonntagmorgen ab Venedig/Tronchetto ein eigener Bus-Shuttleservice eingerichtet – der letzte Bus fährt um 07.20 Uhr ab. Das heißt: Früh aufstehen, ein ausgiebiges Frühstück, sicherheitshalber ein letzter Blick auf den Stadtplan und hinaus in den Morgen. Ich hatte gedacht, ich würde jetzt fast allein durch Venedig marschieren, doch weit gefehlt. Eine kleinere Völkerwanderung von Marathonis – erkennbar am Outfit und an den eigens ausgegebenen Kleiderbeuteln – bewegt sich durch die Gassen, ich höre italienische (logisch!), französische, amerikanische, holländische und bayerische Wortfetzen: Ein Lauftreff aus Cham in der Oberpfalz nimmt auch teil!
Je näher wir dem Abholpunkt kommen, desto mehr Leute werden es. Am Tronchetto selbst schon Trauben mit Hunderten von Sportlern, die sich in die völlig überfüllten Busse drängen. Na, wenigstens kann keiner umfallen.
Gegen 07.45 Uhr, das heißt eineinhalb Stunden vor dem Startschuss, sind wir schon in Stra. Um die Zeit zu überbrücken, geht man ein bisschen spazieren, trinkt einen Espresso, sucht nochmals die Toilette auf, läuft sich warm, unterhält sich hier und dort ein wenig ...

Die ca. 6500 Teilnehmer sind in verschiedene Blöcke aufgeteilt: In Block 1, d.h. ganz vorne, stehen die mit einer Bestzeit von unter 3 Stunden, in Block 2 Bestzeit unter 3:15 Stunden, in Block 3 unter 3:30 Stunden und so weiter. Ein tief fliegender Hubschrauber des Senders RAI filmt. Pünktlich um 09.20 Uhr fällt der Startschuss.

Die Strecke ist anfangs sehr reizvoll, sie verläuft parallel zum Brentakanal und ist gesäumt mit Prunkvillen, die sich reiche Venezianer zwischen dem 16. und dem 18. Jahrhundert bauen ließen, um im Sommer der mörderischen Schwüle der Lagune zu entgehen. Die berühmteste, die Villa Pisani, direkt neben dem Startpunkt, wurde mit Fresken von Tiepolo ausgeschmückt und diente 1797 Napoleon als Residenz, als er die Gegend unterwarf und den letzten Dogen der Republik Venedig zum Rücktritt zwang. Allein in dieser Villa mit dazugehörigem Garten – nein: Park – kann man locker einen halben Tag zubringen. Aber auch die anderen Villen, darunter etliche von dem genialen Baumeister Andrea Palladio entworfen, lohnen einen Besuch.
Heute freilich können wir nur kurze Blicke von außen auf die Villen erhaschen, aber trotzdem ist es ein Traum: Die Sonne scheint, Boote schaukeln auf dem Kanal, die Bars beginnen, draußen Stühle aufzustellen, was schon die ersten Leute dazu veranlasst, die unerwartete Wärme bei einem Cappuccino zu genießen. Über mangelnde Aufmerksamkeit kann sich niemand beschweren, die Italiener haben eben Sportsgeist: „Forza!“, „Vai!“, „Dai!“ („Kraft!“, „Geh!“, „Komm schon!“) oder einfach nur „Bravi!“ feuern sie uns überall an.

Ich befinde mich in einer Gruppe von Italienern, wir werfen uns ein paar Sätze zu, als wir kurz vor Mestre an einigen Prostituierten vorbeilaufen, die durch die Marathonveranstaltung wohl um ihr Morgengeschäft gekommen sind. „Veniamo subito! Bisogna una pausa!“ („Wir kommen gleich! Wir brauchen eine Pause!“) feixen wir hin, einer läuft sogar einige Schritte in Richtung der Damen und streckt sehnsüchtig die Arme aus. „Cosa volete? Avete i soldi?“ („Was wollt Ihr denn? Habt Ihr überhaupt Geld?“) kommt es schlagfertig zurück.

In Mestre ist es mit der Morgenromantik zunächst vorbei. Auch die gekonnteste Streckenführung kann der Industriestadt nur wenig Schönes abtrotzen, dafür sind die Straßen gesäumt mit Zuschauern, die uns durch Anfeuern immer weiter tragen. Musikgruppen spielen ohrenbetäubende Rhythmen.

Nach Mestre dann die Ponte della Libertá. Irgendwann ist auch sie überwunden, man betritt venezianischen Boden – und läuft erst einmal durch schier endlos scheinende Hafenanlagen. Endlich die erste von insgesamt dreizehn Brücken bis zum Ziel. Diese müssen zwangsläufig steil nach oben führen und relativ hoch sein, um den Booten auf dem Kanal darunter die Durchfahrt zu ermöglichen. Heute sind die Stufen mit Brettern belegt, um das Darüberlaufen zu erleichtern. Aber so kurz vorm Ziel, mittlerweile 40 km in den Füßen, ist doch jede Brücke noch einmal ein ernst zu nehmendes Hindernis.
Bei Santa Maria della Salute erreiche ich den Canal Grande, über den ein schwankender Pontonsteg aus Holz gelegt wurde – ein Erlebnis, den Kanal auf diese Weise zu überqueren!
Auf der anderen Seite die Riva degli Schiavoni, dicht gedrängt die Menschenmassen an der Laufstrecke, Begeisterung, Lärm. „Forza!!!“
Ich komme an den Markusplatz, stolz blicken die Stadtpatrone Theodor und Markus, der durch den geflügelten Löwen symbolisiert ist, von der Höhe ihrer Säulen herunter, auf der anderen Seite der Piazza grüßt der Markusdom. Weiter, weiter. Noch eine Brücke und noch eine. Endlich die dreizehnte und letzte. Hier stehen meine Frau Andrea und meine Tochter Larissa, begleitet von ihren Anfeuerungsrufen erreiche ich an der Riva Sette Martiri das Ziel. Geschafft!

Übrigens war das Ziel 6 Stunden offen. In dieser Zeit sind 5353 Läufer angekommen, das heißt etwa 1000 Läufer haben aufgegeben oder die Höchstzeit nicht geschafft. Insofern bin ich mit den erreichten 3 Stunden und 29 Minuten – ich hatte mir eine bessere Leistung vorgenommen – eigentlich doch ganz zufrieden.
Am Tag des Venedigmarathons gewinnt der Name des Zieleinlaufs eine neue Bedeutung – allerdings müsste es statt „Riva Sette Martiri“ (Ufer der sieben Märtyrer) jetzt „Riva Mille Martiri“ (Ufer der tausend Märtyrer) heißen ...

Nach dem Duschen und Umziehen genehmige ich mir in einer Bar an der Via Garibaldi neben einigen Tramezzini nach Wochen der Enthaltsamkeit auch ein Bier – natürlich nicht des Genusses, sondern der Kohlehydrate wegen. Marathonläufer sind ja schließlich Asketen – oder?


Der Venedigmarathon findet jedes Jahr am letzten Sonntag im Oktober statt. Nähere Informationen im Internet unter www.venicemarathon.it.