Am Cap de Formentor

© Lauftreff Hainsacker


     Ich sollte umkehren. Sofort. Wie bin ich nur auf die Schnapsidee gekommen, bis zum Leuchtturm laufen zu wollen? Das schaffe ich nie. Obwohl ich noch vor einem halben Jahr über so eine Strecke nur gelacht hätte. Aber die Zeiten haben sich geändert. Leider.
     Da stehe ich nun, mitten auf der Straße. Der Wind reißt an meiner Jacke. Rosmarinbüsche und gelbe Margeriten ducken sich vor ihm. Ich schaue zurück: Klein und flach liegen die Häuser von Port de Pollença unter mir. Nach Süden schwingt sich die Küstenlinie der geschützten Bucht. Ein stumpfer Spiegel unterm Wolkenhimmel. Dort unten beginnt auch die Serpentinenstraße, über die ich mich bis hierher auf halbe Höhe heraufgeschleppt habe. Die Straße schlängelt sich weiter aufwärts. Ich weiß: bis zum Ende der Landzunge, mit der die Insel im Nordosten ins Mittelmeer hinaussticht. Auf der Karte sieht dieser letzte Ausläufer des Tramuntana-Gebirges aus, als ließe sich ein Krokodil ins Meer gleiten. Und ganz vorne, an der Schnauze des Krokodils, ist der Leuchtturm eingezeichnet: am Cap de Formentor. Der Name klingt exotisch und vertraut zugleich. Doch für mich wird es ein imaginärer Punkt auf der Landkarte bleiben. Schade. Wie gerne hätte ich das Cap einmal gesehen, diesen letzten, mutigen Außenposten der Insel. Aber zehn bergige Kilometer – das ist in meinem Zustand zu weit. Ich fühle mich schon jetzt ausgepumpt. Fast ein Wunder, dass sich meine Schmerzen noch nicht gemeldet haben. Da ist nur ein leichtes Pochen im Bein, sonst nichts. Vielleicht sollte ich den günstigen Moment nutzen und wenigstens bis zum Mirador laufen? Der Aussichtspunkt liegt auf halber Strecke zum Cap und wird im Reiseführer empfohlen. Ich will es versuchen. Mit kleinen Schritten setze ich mich wieder in Bewegung. Mehr schlurfend als laufend. Aber immerhin.
     Mallorca: Nie hätte ich gedacht, dass ich eines Tages auf der berüchtigten Ballermann-Insel Urlaub machen würde.
     "Alles Vorurteile", hatte Witha gesagt. "Fahr an die Ostküste, dort hast du deine Ruhe. Und die Seeluft pustet dir den Kopf frei. Wenn es sein muss, kann man da auch laufen ..."
     Unbewusst war ihr Blick bei diesen Worten an meinem rechten Unterschenkel hängen geblieben. Ich habe es damals genau bemerkt. Aber Witha hatte Recht: Daheim würde mir bald die Decke auf den Kopf fallen. Und ein kluger Mann tut schließlich, wozu ihm die Frauen raten. Nur mit dem Wetter hatte sich Witha geirrt. Von wegen: schön warm im Februar! Seit ich hier bin, hat es jeden Tag geregnet.
     Gerade fängt es wieder an. Die Berge verschwimmen hinter rauschenden Regenvorhängen. Ich schimpfe vor mich hin. Und ein kleiner Mann flüstert in meinem Ohr: "Jetzt kehr um. Kehr um!"
     Wenige Schritte neben der Straße krallt sich eine knorrige Föhre an den Felshang. Zwei Ziegen haben sich in den Schutz ihrer Äste geflüchtet. Ruhig kauen sie auf ein paar Grasbüscheln und schauen zu mir herüber. Ihr Fell ist struppig vor Nässe.
     "Die halten durch", sage ich laut. "Und was die können, das kann ich auch!"
     Ich laufe und stolpere weiter. Aufwärts. Den verschleierten Berggipfeln entgegen.
     Die Worte, die mir der Arzt vor einem halben Jahr gesagt hat, höre ich heute noch: "Lassen Sie sich nicht hängen. Mit dieser Sache mussten schon viele Sportler fertig werden."
     "Aber ich bin in einmaliger Form! Vielleicht in der besten meines Lebens", hatte ich protestiert. "Nächste Woche wollte ich beim Stadtmarathon starten."
     "Verletzungen kommen immer zur falschen Zeit", hatte der Arzt gesagt und nochmal das Röntgenbild gemustert. Fahle, graue Schatten, aus denen er meine Zukunft ablesen konnte. "Alles, was Sie jetzt tun können, ist: Geduld haben. Geduld, und nochmal Geduld."
     Ich musste an so Vieles denken, was ich von jetzt an versäumen würde.
     "Vielleicht hole ich diesen Rückschlag niemals wieder auf?"
     Der Mann in Weiß hatte eine Miene aufgesetzt, als müsse er ein bockiges Kind beruhigen: "Schauen Sie: Durch meine Tür kommen jeden Tag Menschen, die sofort mit Ihnen tauschen würden, wenn sie nur könnten."
     Das stimmte vielleicht, aber mir war es nur ein schwacher Trost. Und als ich auf Krücken am Rand der Marathonstrecke gestanden hatte und den anderen Läufern zusehen musste, da hatte mir das Herz wehgetan.
     Seither versuche ich, allen Leuten aus dem Weg zu gehen, die mich fragen könnten: "Was macht deine Verletzung?" und "Wann läufst du wieder?" Hier auf Mallorca muss ich bestimmt niemandem erklären, was ein Ermüdungsbruch ist und dass es im Tierreich nur drei Kandidaten gibt, die seine zweifelhafte Bekanntschaft machen können: Rennpferde, Greyhounds - und Langstreckenläufer. Alles Athleten.
     Mit der letzten Serpentine erreiche ich ein Hochplateau. Ganz von selbst werden meine Schritte leichter. Auch der Regen hat nachgelassen. Ein paar hundert Meter weiter dann der Mirador. Ein einziges Auto steht auf dem Parkplatz. Aber es ist kein Mensch zu sehen. Ein gepflasterter Weg führt mich bis zu den Steilabbrüchen der Nordküste. Vor einem Geländer bleibe ich stehen. Sturmböen peitschen vom Meer herein. Schwindelnd weit unter mir hebt und senkt sich die Wasserfläche in tiefem Atmen und Seufzen. Unermüdlich rennen die Brecher gegen die Felswände an, zerspritzen in schaumigen Gischtfontänen. Erst nach einer Verzögerung, etwa so lange, wie ich zum Schlucken brauche, höre ich ihren Aufprall. Und jedes Mal donnert es dort unten wie wenn ein riesiges Bettlaken durch die Luft peitschen würde. Ich überlege, wie viele Kilometer diese Wellenketten wohl über das offene Wasser marschiert sind. Vielleicht hunderte? Nur, um an dieser öden Küste ihr Ziel zu finden. In einem endlosen Kampf werfen sie sich gegen diese steinerne Festung. Und jeder Welle folgt sofort die nächste. Nie geben sie auf. In Rufweite vom Ufer ragt eine plumpe, kleine Felseninsel aus dem Wasser, wie ein brüchiger Backenzahn: die "Isla Coloner". Wütend nagt die Brandung an ihren Fundamenten.
     "Auch die hält durch", sage ich mir.
     Die ganze Szenerie liegt so weit unter mir, verschwommen in Gischt, Sturm und Dunst, dass sie mir so unwirklich vorkommt wie auf einer Kinoleinwand. Eigentlich müsste ich von hier aus den Leuchtturm vorne am Cap sehen können? Aber der Horizont verschwimmt im konturlosen Regengrau. Nur draußen auf dem Meer erkenne ich einen Fischkutter, der gegen die Wellen stampft.
     "Noch einer, der sich nicht unterkriegen lässt", murmle ich.
     Während ich zur Straße zurücktrotte, horche ich in mich hinein: immer noch keine Schmerzen im Schienbein. Scheint heute ein Glückstag zu sein. Trotz des miserablen Wetters. Als ich den Parkplatz und das einsame Auto erreiche, fasse ich einen Entschluss: Ich werde noch ein Stück weiter laufen. Vielleicht so lange, bis ich den Leuchtturm wenigstens aus der Ferne sehen kann. Natürlich weiß ich, dass ich ein Risiko eingehe: Wenn die Verletzung wieder aufbricht, kann sich mein Rückweg über viele kalte Stunden hinziehen. Ich versuche, die Angst davor zu verdrängen. In Gedanken gebe ich mir einen Stoß. Schon laufe ich wieder.
     Die Straße windet sich über einen menschenleeren, kahlen Gebirgsrücken: kein Haus, keine Mauer, keine Felder. Nur zerklüftete Riegel aus Kalkstein, auf denen sich Macchia und verwachsene Kiefern festhalten.
     Ich ärgere mich über das ständige Auf und Ab. Jeder Anstieg fällt mir schwerer. Und dabei weiß ich nicht einmal, ob ich mich harte Steigungen hinaufquäle, oder ob ich einfach nur schwach bin. Seit meiner Verletzung habe ich das Gefühl für meinen Körper verloren. Dort, wo ich früher meine Reserven so genau wie auf einer inneren Uhr ablesen konnte, fühle ich jetzt nur ein pulsierendes Loch. Ich bin ein Wrack. Nur ein Schatten von früher. Ob ich jemals die Kraft finden werde, nochmal von vorne anzufangen? Aus meinem tiefen Brunnenloch wieder herauszuklettern?
     Als wäre es ein Echo meiner Gedanken, stehe ich plötzlich vor einem Tunnel. Eine unbeleuchtete Röhre, aus dem rohen Fels gehauen. Sie verschwindet im Dunkel.
     Soll ich mich da hindurch wagen? Wenn nun ein Auto kommt ...
     Der kleine Mann im Ohr meldet sich wieder: "Kehr um", wispert er mir zu. "Es ist viel zu gefährlich. Es hat sowieso keinen Zweck. Du wirst den Leuchtturm nie erreichen. Du bist viel zu müde. Sei froh, wenn du überhaupt den Rückweg schaffst ..."
     Aber im nächsten Moment wische ich seinen Einwand beiseite. Vielleicht kann ich auf der anderen Seite schon den Turm sehen. Mit einem lauten Fluch mache ich mir Mut und stürze der Finsternis entgegen.
     Ich bin noch nicht weit gekommen, als zwischen den Felswänden ein Dröhnen laut wird. "Das Auto vom Parkplatz!" ärgere ich mich. Natürlich muss es mich ausgerechnet jetzt einholen.
     Ich reiße die Knie hoch und sprinte los. Das Dröhnen wird immer bohrender, kommt immer näher. Da sehe ich Licht am Ausgang des Tunnels. Mit letzter Kraft werfe ich mich ins Freie, springe zur Seite, bleibe stehen. Ich schnappe nach Luft wie ein Ertrinkender. Und ich schaue zurück in das dunkle Loch. Ich warte. Aber kein Auto kommt. Dann erst erkenne ich: Ich stehe wieder über der Steilküste. Das Meer wälzt sich mit dumpfem Grollen gegen die Felsen. Das war der Lärm, der zwischen den engen Tunnelwänden wie der Motor eines Autos geklungen hat. Aber bevor ich mich über meine grundlose Angst ärgern kann, sehe ich ihn. Klar und deutlich: den Leuchtturm! Wie ein Monument ragt er in den Himmel. Kerzengerade. Fast schon zum Greifen nahe. Da verfliegt meine Müdigkeit, als hätte ich sie wie einen alten Mantel abgestreift. Und ich renne los. Ich schwebe. Bemerke kaum, dass ich nochmal einen Talboden durchqueren und mich auf der anderen Seite in Haarnadelkurven wieder hinaufarbeiten muss. Dann stehe ich oben. Beim Turm. Endlich. Ich lege meine Handflächen gegen seine gewölbte Mauer und spüre, wie er unter den Böen vibriert. Dann setze ich mich in seinen Windschatten und schaue hinaus aufs Meer. Erschöpft, aber glücklich. In meinem rechten Schienbein zieht und kribbelt es leicht. Kaum der Rede wert. Ich streichle die verletzte Stelle: "Gut gemacht", flüstere ich ihr zu, wie einem alten Freund.
     Ja, das Cap de Formentor: Ich habe es erreicht. Aus eigener Kraft. Und so weit ich von hier oben schauen kann: in jeder Richtung endloses Wasser. Wie eine graue Wüste. Da blitzt einen Moment lang die Sonne durch eine Wolkenlücke und ein paar Strahlen huschen wie silberne Schleier über das Meer. Und ich sehe nochmal den Fischkutter. Inzwischen weit draußen, so klein wie ein Käfer. Immer noch kämpft er gegen die Wellen an. Sein starker Bug zerteilt die See und lässt die Gischt wie eine lodernde Fackel in die Höhe schießen. Ein paar Augenblicke später verdüstert sich die Sonne wieder und das Schiff verschmilzt mit der grenzenlosen Weite.
     Ich nicke zufrieden: Der gibt wirklich nicht auf.
     Und je länger ich zum stumpfen Horizont starre, umso lebhafter male ich mir aus, ich sei eigentlich von dort gekommen. Ich bin durch ein düsteres, tiefes Meer geschwommen, bis ich hier am Cap de Formentor, an der Schnauze des steinernen Krokodils, zum ersten Mal wieder festen Boden unter den Füßen gefühlt habe. Von hier wird mich jeder Schritt dem sicheren Land näher bringen. Dorthin, wo die Menschen wohnen. Wo die Mandelbäume blühen und die Orangen reifen. Und wo eines Tages die Sonne wieder scheinen wird.
     Ein Auto windet sich die Serpentinen hinauf. Diesmal täusche ich mich nicht: Es ist ein Kastenwagen mit einem gemalten Leuchtturm auf der Fahrertür. Das muss der Leuchtturmwärter sein. Einer der letzten, die es in unseren Breiten noch gibt. Ich werde ihn bitten, dass er mich zurückfährt. Und als Dank werde ich ihm erzählen, wie viel mir seit heute sein Turm bedeutet. Dieses Licht am Rande der Welt. Und dass mich das Cap de Formentor immer an Eines erinnern wird: Dass ich niemals aufgeben darf. Niemals.

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