Erster

© Lauftreff Hainsacker


     "Na, Sportsfreund, wann wirst du eigentlich mal wieder Erster?" hatten sie ihn vorhin gefragt.
     Die gleiche, fordernde Frage, wie schon so oft. Und es war ihm wieder keine Antwort eingefallen, denn sie hatten Recht: Er hatte als Läufer schon bessere Tage gesehen. Ob er allmählich zu alt wurde? Wofür hetzte er sich überhaupt noch so ab?
     "Besonders, wenn nach dem Training die Straßenbahn ewig nicht kommt", murmelte er verdrossen.
     Er stand mit seiner Sporttasche an der Haltestelle und wartete. Heiß brannte die Sonne vom blauen Sommerhimmel. Gutes Wetter für Sprinter, dachte er.
     Nur eine Mutter und ihre Tochter warteten am selben Bahnsteig. Das Mädchen war noch klein, aber lebendig wie Quecksilber. Unermüdlich rannte sie auf und ab und lachte mit ihrer hellen Kinderstimme. Zwei lange, lustige Zöpfe flogen ihr um den Kopf und an einer Schnur zog sie einen gelben Luftballon hinter sich her, fast so groß wie sie selbst. Ab und zu mahnte die Mutter, sie solle sich still halten, den Ballon nicht loslassen, dann blickte die Frau wieder in eine Zeitung.
     Ja, erinnerte er sich: Als Kinder waren sie auch so herumgetobt. Und oft hatten sie spontan einen Wettlauf veranstaltet. Zum nächsten Baum, bis zu einem parkenden Auto oder einem Gartentor. Dann fegte die Meute trappelnd los, jeder so schnell er konnte, und wer Sieger wurde, der durfte laut "Erster!" rufen.
     Meistens hatte er gewonnen. Später, als er größer wurde, verschrieb er sich ganz dem Laufen. Die Mittelstrecken waren ihm am liebsten. Wo er wie ein Pfeil über die Tartanbahn flog. Wo der Wille entscheidend war, in kürzester Zeit alles zu geben. Fünf Kilometer waren ihm schon zu lang. Drei, oder besser noch: nur Einer, das war seine Spezialität. Gewesen. Irgendwie brachte er's nicht mehr.
     "Mami, wo ist denn der Papi?" fragte das kleine Mädchen schon zum x-ten Mal seine Mutter.
     Die reagierte kaum, blickte nur flüchtig auf. "Später siehst du ihn. Nicht jetzt."
     "Da drüben geht er!"
     "Nein mein Spatz, das ist er nicht."
     "Ich will aber, dass der Papi jetzt da ist!" Ärgerliches Aufstampfen zierlicher Füßchen.
     Die Mutter gab keine Antwort und vertiefte sich wieder in ihre Zeitung.
     Er musste grinsen. Auch er würde sich gerne einiges wünschen. Vielleicht ein bisschen jugendliche Frische? Denn er spürte das typische Problem alternder Sprinter: die schnelle Muskulatur ließ nach. Die Kraft für den Endspurt blieb auf ihrem Weg vom Kopf zu den Beinen irgendwo stecken. Und gerade diese Kraft hatte er früher beherrscht wie kein Zweiter. Hatte mit ihr Siege errungen, in Gedanken wieder "Erster!" rufen können.
     Er erinnerte sich: Damals. Das Stadionfest. Die Zuschauer. Lärm. Der abschließende Tausend-Meter-Lauf. Sein Lauf. Mit der Spitze des Feldes war er auf die Zielgerade eingebogen, äußerstes Tempo, jetzt nur noch ein Konkurrent vor ihm. Er sah die Geschwindigkeit und Position des anderen, wusste dann, dass er es schaffen würde, saugte sich mit dem Blick an der Ziellinie fest, unterwarf die weit ausgreifenden Beine, die pumpenden Arme, einfach alles seinem Willen. "Halte durch!" Dann zog er unhaltbar davon, ja, er flog regelrecht durchs Ziel; rief: "Erster!" Damals.
     Und heute? Unter 'ferner liefen'. Wo blieben heute seine Siege?
     Ein scharfes Klingeln riss ihn aus seinen Gedanken. Am Gleis gegenüber fuhr die Straßenbahn ein. Aber warum das Warnsignal?
     In diesem Moment geschahen mehrere Dinge gleichzeitig:
     Plötzlich fällt ihm auf, wie still es am Bahnsteig neben ihm ist. Ein kurzer Blick: Da steht nur noch die Frau, kein Kind mehr. Wo ist es? Eine Bewegung im Augenwinkel: Da! Ein gelber Luftballon! Das kleine Mädchen trippelt drüben zwischen den Schienen, bemerkt nicht die rasch heranrollende Straßenbahn, hat nur Augen für einen Fußgänger auf der anderen Straßenseite.
     "Papi, Papi!" ruft sie und stolpert weiter entlang der Gleise.
     Die Mutter hört erst jetzt die Stimme, sieht ihre Tochter dort drüben, schreit entsetzt auf. Rasend schnell poltert die Straßenbahn näher, die Warnglocke schrillt hektisch.
     Er überblickt die Lage sofort: Das Mädchen, die Straßenbahn, die Geschwindigkeit, die Entfernung. Tausendfach trainierte Instinkte werden wach, und im Bruchteil einer Sekunde weiß er, was er tun muss: Er sprintet los, über Schwellen und Schienen; unter seinen Turnschuhen spritzt der Kies weg, als er auf das Kind zustürmt, mit der Bahn um die Wette; jetzt sieht auch das Mädchen das stählerne Ungetüm auf sich zu rasen, erstarrt vor Schreck, wie ein Kaninchen vor der Schlange; der Läufer schießt vorwärts, wie damals beim Wettkampf, statt der Ziellinie jetzt: das Mädchen ("Ich muss sie erreichen, muss, muss, muss!"); der breite Bug des Waggons rumpelt heran, viel zu schnell, eine Lawine aus Eisen schiebt sich in seinen Rücken ("Gib alles: Das Ziel: Jetzt!"); er packt die Kleine, reißt sie an sich, springt, fällt, ("Nur weg von den Schienen, weg, weg, weg!"); er schlittert rücklings über Betonschwellen und staubenden Kies, jetzt rumpelt die Straßenbahn an ihm vorbei, bremst, bremst, Räder blockieren. Mit durchdringendem Schreien schabt Metall auf Metall. Ächzend kommt der schwere Zug neben ihm zum Stehen.
     Endlich.
     Stille.
     Er lag noch einige Zeit zusammengekrampft, dort, im öligen Schotter. Alles tat ihm weh. Ein beißender Geruch von heißen Bremsbelägen stach ihm in die Nase. Als er die Augen wieder aufschlug, sah er den schweren Waggon direkt neben sich. Schaute an ihm hinauf. Registrierte sachlich, fast unbeteiligt, dass die großen, stählernen Räder nur eine Handbreit neben seinem Körper aufragten. Neben seinem und ihrem. Das kleine Mädchen lag auf ihm, klammerte sich immer noch an seine Brust. Sie weinte. Er fühlte, wie sie zitterte. Doch er sah, dass sie unverletzt geblieben war. Gott sei Dank: Der Kleinen fehlte nichts.
     Nichts außer einem gelben Luftballon, den er hoch über sich in den weiten Himmel aufsteigen sah. Fröhlich wippend und tanzend. Der Sonne entgegen.
     Jetzt konnte er sich entspannen, tief ausatmen. Seine Wunden brannten wie Feuer, trotzdem musste er lächeln. Er hatte endlich die Antwort gegeben.
     "Erster!", flüsterte er.
     "Erster."

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