Der Kampfhund

© Lauftreff Hainsacker


     Der Hund.
     Alles hätte so schön sein können, wenn nur dieser Hund nicht gewesen wäre. Und mit dem Hund nahmen die Ereignisse ihren Lauf.
     Eric war erst vor kurzem in diese Stadt gezogen und hatte in einem kleinen Haus am Ortsrand eine Wohnung gemietet. Richtig kennen gelernt hatte er noch keinen seiner Nachbarn. Aber das war bei weitem nicht so schlimm wie die Tatsache, dass es dort auch diesen Hund gab.
     Bei einem Lauftreff war Eric schnell auf Gleichgesinnte gestoßen, mit denen er öfters seine Trainingsrunden drehte. Dort, am anderen Ende der Stadt, war er vor dem Hund sicher.
     Doch manchmal lief Eric alleine und von zu Hause in den nahen Wald. Dort konnte es passieren, dass er auf den Hund traf. Und er traf ihn immer wieder. Viel zu oft.
     Sie wohnte im Haus nebenan und hieß Jörgensen, das wusste er vom Klingelschild. Immer trug sie eine Miene wie sieben Tage Regenwetter zur Schau; eine alte, griesgrämige Frau, die kaum mit jemandem sprach. Und bei ihr wohnte der Hund.
     Auf Eric machte er einen Furcht einflößenden Eindruck: groß, bullig, mit dunkel geflecktem Bürstenfell und einem kantigen Schädel. Und erst diese Zähne! Beim Spazierengehen riss er ungeduldig und mit mühsam zu bändigender Kraft an der Leine und hechelte nervös. Eric bemerkte, dass auch andere Leute Angst vor dem Hund hatten und versuchten, dem gefährlichen Tier nicht zu nahe zu kommen. Frau Jörgensen ging sowieso an jedem vorbei ohne zu grüßen.
     Einmal sah Eric die Frau auf der Straße, als sie sich unbeobachtet glaubte. Da herzte und streichelte sie den Hund und redete mit ihm.
     "Ein typischer Kinder-Ersatz für alte Leute", dachte Eric verächtlich. "Sie liebt dieses Ungeheuer mehr als ihre Mitmenschen."
     Weil sie schon in Rente war, ging sie mehrmals täglich mit dem Hund spazieren. Dann hatte sie immer denselben grauen Mantel an, und am Arm trug sie einen Korb, in dem sie im Wald Moos oder Pilze sammelte. Eric hoffte jedes Mal, ihr dort nicht zu begegnen.
     Eines Tages lief Eric wieder auf seiner Waldrunde. Der breite Forstweg führte zwischen hohen Fichten hindurch, die Sonne schien, es war ein schöner Tag. Da bog sie aus einem Seitenweg. Natürlich trottete der Hund neben ihr. Und sie hatte ihn von der Leine gelassen! Sofort fixierte er Eric und nahm eine drohende Haltung ein.
     Eric rief: "Halten sie Ihren Köter fest, verdammt nochmal!"
     "Der tut nichts, der tut nichts!" krächzte die alte Frau zurück. Trotzdem fasste sie das Tier hastig am Halsband. Es wehrte sich gegen den Griff und versuchte, auf die Hinterfüße hochzusteigen, knurrte und bellte.
     Eric lief in einem großen Bogen an den beiden vorbei, und rief aggressiv hinüber: "He, Sie! Es ist verboten, den da im Wald ohne Leine laufen zu lassen!"
     Die Antwort von Frau Jörgensen konnte er nicht mehr hören. Er war froh, schnell wegzukommen, wie jedes Mal wenn er sie traf. Sie grüßten sich nie mit Namen. Nie wechselten sie ein freundliches Wort. Das beste war noch angespanntes Schweigen.
     Wenig später erzählte er im Kreis seiner Lauffreunde von diesem und ähnlichen, früheren Vorfällen. Alle fanden es unerhört, dass so ein gefährlicher Hund frei herumlaufen durfte.
     "Wenn man bedenkt, was so ein Vieh anrichten kann!" regte Manfred sich auf. "Ich würde ihm bestimmt einen ordentlichen Fußtritt verpassen."
     Und Peter setzte hinzu: "Ich hab immer ein Pfefferspray dabei, davon würde ich ihm eine gehörige Ladung in die Augen sprühen!"
     "Der ist eine Bedrohung, nicht nur für Läufer. Der gehört eingeschläfert!" forderte Herbert.
     Nur Bettina widersprach: "Ich weiß gar nicht, was Ihr Männer habt. Hunde sind doch süß."
     "Süß ist vielleicht dein Schoßhündchen daheim, aber nicht dieses Monstrum", erwiderte Eric.
     Bettina gab nicht nach: "Hunde tun eigentlich nie etwas Böses, außer, die Menschen treiben sie dazu an."
     "Aber genau das machen die Leute heutzutage! Liest du denn keine Zeitung?" hielt ihr Eric entgegen.
     Die drei anderen Männer brummten zustimmend, Bettina antwortete nichts mehr. Schweigend liefen sie weiter.
     In der Tat: Man musste nur die Zeitung aufschlagen, um zu sehen, was diese Tiere anrichteten. Kampfhunde standen jeden Tag in den Schlagzeilen. Kampfhunde verbreiteten Angst und Schrecken. Kampfhunde fielen wehrlose Menschen an und zerfleischten sogar kleine Kinder. Eric schauderte bei dem Gedanken.
     "Wenn ich diese Verbrecher und ihre Bestien in die Finger bekäme - ich würde, ich würde ..." Eric konnte sich nur zu gut vorstellen, was er mit ihnen machen würde.
     Er dachte mit Genugtuung an eine andere Schlagzeile, die er kürzlich gelesen hatte: "Kampfhund zerfleischt eigenen Besitzer". Das war seiner Meinung nach die gerechte Strafe für diese gewissenlosen Leute. Er stellte sich vor, dass das auch Frau Jörgensen passieren könnte.
     "Eine falsche Bewegung, der Hund wird nervös und - zack!"
     Doch Eric unterließ dann, sich das genauer auszumalen und wusste nicht recht, ob er seiner Nachbarin wirklich so etwas Grausiges wünschen konnte. Er schob den Gedanken weg, aber ganz los wurde er ihn nicht. Erst später vergaß er ihn.
     Es war am nächsten Tag, früh am Morgen, als Eric vom Fenster aus Frau Jörgensen in ihrem grauen Mantel und mit ihrem Korb wieder in den Wald gehen sah; natürlich war der Hund dabei. Nach dem Frühstück - es war ein Samstag - wusste Eric nicht recht, was er machen sollte. Eigentlich wollte er heute wieder trainieren, aber am Telefon erreichte er keinen seiner Freunde.
     "Dann muss ich eben alleine im Wald laufen. Ob der Hund dort ist, oder nicht. Es wird schon gut gehen. Ist bis jetzt immer gut gegangen."
     Aber ein mulmiges Gefühl blieb doch, als er lostrabte und wusste, dass der Hund gerade jetzt irgendwo dort draußen war.
     Erics Sorgen verflogen, als er in den Schatten der Bäume eintauchte. Jetzt im Herbst hüllte sich der Wald in leuchtende Farben und es war ein Genuss, dort zu laufen: Wo die Sonne zwischen den Wipfeln hindurch blitzte und feine, goldene Linien in die dämmrige Luft zeichnete. Wo Aromen von Harz und Pilzen aufstiegen und unsichtbare Vögel ihr vielstimmiges Lied sangen. Hier konnte man reine, kühle Luft atmen und ganz alleine sein.
     Nein, nicht ganz alleine: Dort stand war der Hund wieder. Der verflixte Hund! Eric erschrak. Das riesige Tier hockte mitten auf dem Weg. Bestimmt würde Frau Jörgensen Eric gleich sehen und ihre Bestie zurückpfeifen, aber dieses Mal würde Eric nicht einfach vorbeilaufen.
     "Dieses Mal sag ich der alten Schachtel gehörig die Meinung! Lässt ihren Kampfhund frei herumlaufen - so ein Skandal!"
     Aber Frau Jörgensen war weder zu sehen noch zu hören. Nur ihr Hund blickte ihm lauernd entgegen. Dann setzte er sich in Bewegung, auf Eric zu.
     Eric blieb stehen. Was sollte er tun? Der Hund kam rasch näher.
     "Verdammt, wo bleibt diese Jörgensen nur?"
     Sie ging doch sonst immer nah bei ihrem Hund? Was war los? Im Geiste sah er auf einmal wieder diese Schlagzeile vor sich: "Kampfhund zerfleischt eigenen Besitzer". Er wagte es kaum zu denken: Waren vielleicht seine Vorstellungen von neulich wahr geworden?
     Er hetzte davon. Nichts wie weg! Aber schon hörte er ein Hecheln dicht hinter sich. Mit dem Geräusch brechender Zweige schoss der Hund im Unterholz vorbei und stellte sich ihm in den Weg. Aus seiner Kehle drang ein bösartiges, tiefes Knurren. Eric erstarrte vor Schreck, blieb stehen, wich strauchelnd zurück, aber der massige Hund bedrängte ihn. Eric versuchte, ihn mit Fußtritten zu vertreiben, aber das Tier wich behände aus, fletschte die Zähne.
     "Wenn ich doch jetzt ein Pfefferspray dabei hätte, so wie Peter", wünschte er sich vergeblich.
     Bilder aus Zeitungen und Fernsehnachrichten wirbelten ihm durch den Kopf. Bilder von verstümmelten Menschen und zu Tode gebissenen Kindern.
     Der Hund bellte wütend und laut.
     Auf einmal schob sich Eric eine andere, uralte Erinnerung vor die Augen. Er sah sich selbst als kleinen Jungen, im Garten seiner Großmutter, in die Ecke gedrängt von ihrem großen, schwarzen Hund, der knurrend und riesig vor ihm stand. Der kleine Eric hatte geweint, als die Großmutter das bellende und sich sträubende Tier ins Haus gezogen hatte und Eric immer wieder zugerufen hatte: "Der tut nichts, der tut dir doch nichts!"
     Jetzt hörte er diese Worte wieder in sich, hämmernd, bohrend: "Der tut nichts, der tut nichts - Bitte, tu mir nichts!"
     Da machte der Hund einen raschen Satz, packte ihn mit den kräftigen Kiefern am Arm, riss ihn fast um. Lähmendes Entsetzen erfasste Eric. Jetzt ging es um Leben oder Tod!
     Der Hund zerrte und schüttelte ihn. Eric wollte sich befreien, aber das Tier war viel zu stark und schwer. Eric stolperte vorwärts, rückwärts.
     "Bloß nicht zu Boden fallen, sonst packt er dich an der Kehle!"
     Eric sah sich wieder als kleiner Junge im Garten der Großmutter, ein bitterer Schmerz stieg aus seiner Brust auf, presste ihm Tränen aus den Augen, so wie damals. Er spürte eine abgrundtiefe Leere in sich. Da verließ ihn jeder Mut; er ergab sich in sein Schicksal. Er konnte nichts tun, der andere war ihm überlegen.
     Der Hund zog und zerrte ihn vom Weg fort. Eric taumelte hinter ihm her.
     "Ob Kampfhunde das immer so machen? Ihr Opfer zuerst in ein Gebüsch ziehen, bevor sie es ... zerlegen?" hüpfte ein wirrer Gedanke durch ein Chaos aus Angst.
     Und weiter wurde er durchs Unterholz gezerrt, immer weiter. Ein Zweig schlug ihm ins Gesicht und brachte ihn ein wenig zur Besinnung. Die Sache war irgendwie seltsam. Jedenfalls geschah nicht das, was Eric erwartet hätte. Auch fiel ihm auf, dass der Hund nicht besonders stark zubiss. Mit seinen kräftigen Kiefern hätte er seinen Arm bestimmt zermalmen können, doch er ritzte seine Haut nicht einmal. Nein, der Hund zog ihn nur. Zog ihn vorwärts. Eric durchzuckte auf einmal eine wilde Idee:
     "Der führt mich! Er führt mich irgendwohin."
     Eric widersetzte sich nicht länger, sondern lief mit in die Richtung, in die ihn der Hund bringen wollte. Der lockerte sofort den Griff seiner Kiefer. Schließlich kamen sie zu einer Böschung, wo der Waldboden in einen kleinen, trockenen Bachlauf abfiel, knapp zwei Meter tief. Da ließ ihn der Hund los. Bellte. Wie ein Besessener sprang er an der Abbruchkante hin und her.
     Zitternd und verwirrt trat Eric an den Abhang und blickte hinunter. Was er sah, machte ihn zunächst ungläubig, aber mit einem Mal klärte sich der Nebel in seinem Kopf und er verstand. Alles verstand er jetzt. Dort lag sie, reglos und mit dem Gesicht nach unten, die Arme weit von sich gestreckt, ihr grauer Mantel um sie herum gefleddert, wie ein gefallener Vorhang. Dort unten lag Frau Jörgensen. Sie musste den Abhang hinunter gestürzt sein. Ihr Korb lag zur Seite gerollt, ein paar Pilze waren heraus gekullert, ein Stück entfernt eine zerbrochene Brille.
     Der Hund kläffte. Eric wusste, was er sagen wollte: Tu' was!
     Das Tier verfolgte jede von Erics Bewegungen, als er die Böschung hinabkletterte und sich über die alte Frau beugte.
     Frau Jörgensen atmete schwach und ihr Herz schlug noch, aber sie war ohnmächtig und an ihrem Hinterkopf klebte Blut. Ihr blickloses Gesicht schimmerte fahl und grau, so grau wie ihr Mantel; ihre Hände fühlten sich eiskalt an.
     "Es muss schnellstens Hilfe her", überlegte Eric fieberhaft. "Was kann ich tun?"
     Da bemerkte er, dass sie schon fast den Waldrand erreicht hatten. Dort vorne führte eine Straße vorbei. Mit ein wenig Glück ...
     Er stand auf. Tatsächlich hörte er in diesem Moment ein Motorengeräusch.
     Hastig drehte er sich zum Hund um: "Du bleibst hier und passt auf. Ich bin gleich wieder da!"
     Dann lief er zur Straße, so schnell er konnte. Der Hund blieb tatsächlich zurück.
     Eine Viertelstunde später kam die Sirene des Krankenwagens näher. Eric kauerte inzwischen wieder bei Frau Jörgensen und hielt ihre Hände. Der Hund saß still daneben.
     Der Autofahrer, den er vorhin angehalten hatte, wies den drei Sanitätern den Weg durchs Unterholz.
     "Gott sei Dank, dass der Mann ein Handy dabei hatte", dachte Eric, als die drei Weißgekleideten mitsamt der Krankentrage und dem Notfallkoffer beim ihm ankamen. Einer von ihnen stellte sich als Arzt vor.
     Mit kurzen Worten erklärte Eric die Situation. Der Arzt kniete nieder und untersuchte die Ohnmächtige.
     "Wahrscheinlich eine Gehirnerschütterung durch den Sturz. Außerdem hat sie viel Blut durch eine Kopfplatzwunde verloren. Hoffen wir, dass nichts gebrochen ist", erklärte er. "Lange hätte sie jedenfalls nicht mehr dort liegen dürfen, sonst wäre sie an Unterkühlung gestorben."
     Während die anderen beiden Sanitäter Frau Jörgensen vorsichtig auf die Trage betteten und eine Infusion setzten, sprach der Arzt zu Eric.
     "Ein Glück, dass Sie sie gefunden haben."
     "Also - eigentlich habe ich sie gar nicht gefunden. Er hat mich hergeführt."
     Eric deutete auf den Hund, der aufmerksam verfolgte, was mit seiner Besitzerin geschah.
     "Wirklich? Das nenn' ich aber einen klugen Hund. Komm her!" rief ihm der Arzt zu.
     Tatsächlich kam das Tier sofort und leckte ihm die Hand.
     "Das hast du brav gemacht", lobte ihn der Arzt. "Bist ein gutes Hundchen."
     Zu Eric sagte er: "Im Krankenwagen darf er nicht mitfahren und sobald die Frau transportfertig ist, haben wir hier keine Zeit zu verlieren. Sie sind bestimmt so freundlich und nehmen ihn zunächst einmal zu sich nach Hause?"
     "Wie? Ich?" Eric schluckte und blickte auf das mächtige Tier, das der Arzt gerade gutes Hundchen genannt hatte. "Ich kann Hunde nicht leiden!"
     "Haben sie etwa Angst vor Hunden? Sie, als erwachsener Mann?" fragte der Arzt stirnrunzelnd.
     "Äh, normalerweise nicht", log Eric. "Aber das ist doch ein Kampfhund!"
      Der Arzt sah das Tier an. "Nein, das ist kein Kampfhund. Das ist ein gewöhnlicher Schäferhund-Mischling. Ein gut erzogener, würde ich sogar meinen."
     Der Arzt befahl: "Sitz! Gib Pfote!"
     Der Hund tat es. Es sah drollig aus, wie er eine Pfote hochhielt, als ob er einen Handkuss erwartete.
     "Platz!"
     Das Tier legte sich flach auf den Boden.
     "Sehen Sie: wirklich gut erzogen. Man muss ihn nur richtig anreden. Hunde merken nämlich sofort, wenn man Angst vor ihnen hat."
     Eric versuchte, sich zu rechtfertigen: "Aber sehen sie: Jetzt fletscht er die Zähne!"
     "Nein, er lacht."
     "Er - lacht?"
     "Hunde können genauso lachen wie Menschen, wenn auch nur lautlos. Aber sie zeigen dabei ihre Zähne, genauso wie wir. Haben Sie das nicht gewusst?"
     Das hatte Eric allerdings nicht. Er schaute auf dieses Tier, das gehorsam vor ihm auf dem Boden lag und treuherzig schaute. Nein, das war wirklich kein Kampfhund. Eric kam sich auf einmal ziemlich dumm vor.
     "Also gut, wenn es nicht anders geht, nehme ich ihn mit", seufzte er.
     "Sie werden schon lernen, wie man mit ihm umgehen muss", ermutigte ihn der Arzt. "Aber jetzt wollen wir Frau Jörgensen schnellstens ins Krankenhaus bringen."
     Die zwei Sanitäter hatten ihre Arbeiten abgeschlossen und zu viert bugsierten sie die Trage aus dem Graben. Dann machten sie sich zusammen auf den Rückweg zur Straße. Der Hund trottete neben Eric her.
     "Sie kennen meine Nachbarin?" fragte Eric.
     "Ja, ich wurde vor ein paar Jahren schon einmal zu ihr gerufen. In einer ähnlichen Situation. Als ihr Nachbar wissen sie wahrscheinlich Bescheid?"
     Eric wusste nicht, worum es ging, doch der Arzt deutete das Schweigen als Zustimmung.
     "Man hat den Täter nie gefasst, der sie damals im Wald überfallen und niedergeschlagen hat, aber sie hat ausgesagt, dass es ein Läufer gewesen sei. Frau Jörgensen musste lange Zeit im Krankenhaus verbringen. Sicherlich haben sie bemerkt, dass sie an einer leichten Gehbehinderung leidet. Die ist ihr von damals geblieben."
     Eric musste sich eingestehen, dass ihm das nie aufgefallen war.
     Der Arzt fuhr fort: "Wir haben den komplizierten Bruch nicht mehr vollständig richten können, obwohl Frau Jörgensen oft zu uns zur Behandlung kam. Während dieser Zeit erfuhr ich viel von ihr. Sie lebte seit diesem Überfall ständig in der Angst, dass ihr wieder etwas zustoßen könnte. Und sie litt seitdem unter einer panischen Angst vor Läufern, wollte aber nicht auf ihre geliebten Waldspaziergänge verzichten. Deshalb hat sie sich den Hund angeschafft. Er sollte sie schützten. Jetzt haben er und ein Läufer ihr das Leben gerettet. Wie das Schicksal so spielt."
     Sie waren an der Straße angekommen und schoben die Trage ins Innere des Krankenwagens. Der Doktor verabschiedete sich, dann schloss er die Hecktüren. Der Hund winselte unruhig, wollte dem abfahrenden Wagen folgen, aber Eric hielt ihn am Halsband zurück, redete beruhigend auf ihn ein.
     "Mach dir keine Sorgen, dein Frauchen wird auch ohne dich wieder gesund. Du hast genug für sie getan."
     Er erinnerte sich daran, wie er vor kurzem noch Frau Jörgensen verachtet hatte, weil sie mit dem Hund wie mit einem Menschen gesprochen hatte. Nachdenklich tätschelte er über den Rücken des Tieres und spürte das weiche, warme Fell. Der Hund legte seinen Kopf an Erics Bein und stupste mit seiner kühlen Schnauze gegen seine Hand.
     Noch einmal stieg das Bild vom Hund der Großmutter aus Erics Erinnerung herauf. Doch es erschreckte ihn nicht. Jetzt nicht mehr. Es war Vergangenheit.
     "Komm, wir laufen zu mir nach Hause", sagte Eric.
     Das Wort "nach Hause" verstand das Tier offenbar, denn es sprang auf und setzte sich in Trab, wich nicht von Erics Seite.
     "Wenn ich mich beeile, dann kann ich im Supermarkt noch Futter für ihn kaufen", überlegte Eric, während sie nebeneinander herliefen. "Liegen kann er im Wohnzimmer auf meiner alten Decke. Und dann muss ich herausfinden, auf was für einen Namen er hört. Hunde haben doch alle einen Namen?"
     Laut rief er ihm zu: "He, was hast du eigentlich für einen Namen? Du ... Du ...", Eric lachte: "Du Kampfhund !" Dabei grinste er zu ihm hinunter.
     Der Hund spitzte die Ohren und blickte fragend zurück. Dann bellte er zweimal. Laut und fröhlich.

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