Letzter

© Lauftreff Hainsacker


     Nein, richtig erfolgreich war er nie gewesen. Kein echter Gewinner. Niemand, der die ganz großen Siege errungen hatte. Und doch: Wenn er es genau betrachtete ...
      

*

     Ben lief auf seiner gewohnten Trainingsstrecke, mit langen, federnden Schritten. Aber heute wollte Ben nicht nur trainieren. Er wollte Abstand gewinnen, den Aufruhr in seinem Kopf beruhigen. Das war jetzt das Wichtigste: Ruhe in die Gedanken zu bringen.
     Er hatte es erst gestern erfahren. Die Neuigkeit, die ihn fassungslos machte und ihm den Schlaf raubte. Mit einem Schlag sah die Welt anders aus.
     Wie schon oft in den letzten Jahren hatte Ben längere Zeit geschäftlich im Ausland zugebracht. Den ganzen Herbst und Winter lang. Ben mochte das: Fremde Länder und Menschen kennen lernen und dem kalten Winter ein Schnippchen schlagen. Und er fand es immer wieder interessant, wie man in fernen Ländern laufen konnte. Oder musste. Wie die Einheimischen darauf reagierten. Selten, dass er als Läufer keine freundlichen Menschen getroffen hatte. Er erinnerte sich noch deutlich an seinen letzten Aufenthalt in Afrika, wo ihn auf seinen Trainingsrunden immer ein paar neugierige Kinder begleitet hatten. Unermüdlich waren sie um ihn herumgewuselt und hatten seine Ausrüstung bestaunt. Lange noch war ihr fröhliches Lachen in seinen Ohren nachgeklungen.
     Doch genauso gerne kam Ben wieder nach Hause. Hier lief es sich am schönsten, das stellte er immer wieder fest. Hier hatte er seine Heimat und seine Lauffreunde vom Sportverein.
      Heute war er zwar alleine unterwegs, aber dafür konnte er nichts. Jedes Mal, wenn er von seinen langen Reisen zurückkehrte, stellte er fest, dass im Verein wieder ein paar neue Gesichter aufgetaucht waren. Meistens junge Leute, die er nie zuvor gesehen hatte und die wohl auch mit ihm alten Herrn nicht viel zu tun haben wollten. Die Zahl der Lauffreunde in seinem Alter nahm dagegen immer weiter ab. Jedes Mal war es das Gleiche. Ben hatte sich schon gefragt, ob er eines Tages heimkehren und ihn keiner mehr kennen würde?
     Diesmal waren gleich drei seiner alten Freunde verschwunden gewesen. Von Markus hatten sie erzählt, er hätte auf einmal keine Lust mehr gehabt und die Laufschuhe an den Nagel gehängt. Sein inzwischen deutliches Übergewicht hatte bestimmt eine Rolle dabei gespielt. Volkmar hatte sich von seiner alten Ski-Verletzung nicht mehr richtig erholt und pflegte inzwischen lieber seinen Garten und das erste Enkelkind. Und Holger schließlich hatte sich entschieden, doch noch schnell eine Familie zu gründen und gleichzeitig angefangen, ein Haus zu bauen. Auch er ließ sich, wie die anderen beiden, nicht mehr in der Laufgruppe der alten Herren sehen.
     Ben fand das traurig, aber es war nun mal der Lauf der Dinge, im wörtlichen Sinn: Dass es immer weniger wurden. Doch dieses Mal war da noch etwas gewesen, was er erst einige Zeit nach seiner Rückkehr erfahren hatte. Sie hatten es ihm gegenüber eine Weile verheimlicht, bevor sie damit herausrückten:
     "Erinnerst Du Dich an Jacob, vom Verein 'Weiß-Blau'?"
     Natürlich erinnerte er sich. Wie hätte er ihn je vergessen können? Gerade deshalb hatte er die Neuigkeit nicht glauben wollen. Sie hatte ihm einen Schock versetzt, als er sie hörte:
     "Mit Jacob ist etwas Schlimmes passiert..."
      

*

     Jetzt, als Ben auf seiner alten Laufstrecke unterwegs war, gingen ihm diese Dinge wieder durch den Kopf. Wie viel Jahre kannte er Jacob eigentlich schon? Er fing an, zurückzudenken.
     Ja, er und Jacob waren ein merkwürdiges Gespann gewesen. Da sie zu verschiedenen Vereinen gehörten, sahen sie sich fast nie. Nur bei Volksläufen trafen sie aufeinander. Eine ewige Rivalität.
     Nein! dachte Ben spontan. Bei mir war es das nie. Nur die anderen haben es dazu gemacht.
     Für Ben war es eher eine willkommene Gelegenheit, sich mit jemand ebenbürtigem zu messen. Jacob war nicht nur gleich alt wie Ben, er lief auch fast gleich schnell. Oft entschieden nur Zufälligkeiten oder die Tagesform, wer von ihnen beiden ein paar Augenblicke früher ins Ziel kam. Doch immer hatte Ben es so empfunden, dass sie beide von ihrer Konkurrenz profitierten. Viele ihrer Bestzeiten hätte der eine ohne den anderen gar nicht geschafft. Und nicht selten hatten sie sich nach einem gelungenen Wettkampf auf die Schultern geklopft und freundliche Worte gewechselt, das Erlebte nochmal ausgetauscht. Mit dem Gewinnen hatten sie so oder so nie etwas zu tun gehabt. Machte das etwas aus? Nicht für Ben.
     Die Jahre vergingen. Er und Jacob liefen immer noch und begegneten sich regelmäßig bei Wettkämpfen. Schon damals bemerkte Ben, wie die Zahl der etwa gleich alten Teilnehmer stetig abnahm. Nur Jacob war immer da.
     Und dann war das Jahr gekommen, in dem sie beide fünfzig wurden. War das wirklich schon wieder so lange her? Ben selbst feierte seinen Tag nicht besonders. Er hatte sich nie etwas aus Geburtstagsfeiern gemacht und weil es die Leute von ihm nicht gewohnt waren, erwarteten sie auch nichts. Er hatte an diesem Abend eine gute Flasche Wein geöffnet und über Manches nachgedacht. Hatte sich einfach still gefreut, das war ihm genug.
     Zwei Monate später feierte Jacob seinen Fünfzigsten und lud viele Gäste zu einem großen Fest. Ben war ein wenig überrascht gewesen, dass auch er eine Einladung im Briefkasten liegen hatte. Aber dann war klargeworden, dass mehrere Leute von Bens Sportverein sozusagen als Ehrengäste des Nachbarvereins eingeladen waren.
     Es floss viel Alkohol an jenem Abend. Laute Musik dröhnte durchs Haus und es ging turbulent zu. Und es war der Abend, an dem sich die Gespräche besonders oft um ein bestimmtes Thema drehten. Natürlich redete man viel übers Laufen, aber Ben fiel auf, dass dabei ein bestimmter Begriff öfters genannt wurde:
     "Altersklasse M 50."
     Jetzt, wo Jacob bei Wettkämpfen in dieser Altersklasse gewertet wurde, sagten die Leute, da habe er doch gute Chancen, dort zu gewinnen, einmal einen richtig großen Pokal abzuräumen, aufs Siegertreppchen zu steigen. Und so weiter. Ben wurde zunächst nicht klar, was in diesem Zusammenhang die Seitenblicke auf ihn zu bedeuten hatten.
     Schließlich wurde er vom Vorsitzenden seines eigenen Vereins für ein vertrauliches Gespräch zur Seite genommen.
     "Ben! Sicher hast du es heute schon öfter gehört: Du und Jacob, ihr seid ja jetzt in der gleichen Altersklasse."
     "Ja, und?" hatte Ben sich unschuldig gestellt. Aber inzwischen ahnte er, was kommen würde.
     "Na, du hörst doch, wie die vom anderen Verein jetzt von Jacobs großen Siegen in dieser Altersklasse träumen. Es gibt nicht mehr viele Leute, die in eurer Kategorie starten. Da stehen die Chancen gut, einen ersten Platz zu gewinnen."
     "Na und wenn schon. Ich gönne es ihm." Ben zuckte mit den Schultern.
     Sein Gegenüber ließ das nicht gelten: "Aber du hättest die gleichen Chancen. Du könntest mit Altersklassen-Siegen Ruhm und Anerkennung ernten."
     "Ich brauche keine Siege. Ich laufe nur für mich", erwiderte Ben energisch. "Und ich finde, Sieger sollen nur die heißen, die als erste durchs Ziel laufen. Dass Frauen extra gezählt werden, ist klar, aber diese Alterswertungen, die sind mir egal."
     "Jacob sieht das aber ganz anders."
     "Wenn sich andere um so etwas bemühen wollen, dann meinetwegen. Lass ihm doch den Spaß. Ich kann damit nichts anfangen. Ich will es auch gar nicht!"
     Der Vorsitzende setzte eine ernste Miene auf, was ihm schwerfiel, weil er mehr als nur ein paar Biere zu sich genommen hatte: "Ich möchte dir nicht verschweigen, dass sich auch in unserem Verein einige Leute Gedanken gemacht haben - ich meine: über Jacob und dich. Ein paar Erfolge würden dem Ansehen unseres Vereins gut stehen. Du hättest jetzt die Möglichkeit, etwas für uns alle zu tun."
     Ben protestierte: "Aber da gibt es doch noch diesen anderen, diesen Wie-heißt-er-noch von der Leichtathletik-Vereinigung, den früheren Profisportler. Der ist doch auch in – meiner Altersklasse." Er spürte, wie ungern er diese zwei Wörter in den Mund nahm. "Gegen den haben wir beide keine Chance."
     "Ja sicher, aber wenn er mal nicht mit am Start steht, dann schlägt deine große Stunde! Diesen Jacob, den schaffst du schließlich mit Links."
     Doch bevor Ben antworten konnte, dass er noch nie gelaufen war, nur um Jacob zu besiegen, schlug ihm der Vorsitzende leutselig auf die Schulter und rief in seiner Bierlaune etwas zu laut: "Du machst das schon, alter Junge. Wir werden stolz auf dich sein!"
     Damit war die Debatte beendet. Ben blieb etwas ratlos zurück.
     Als das Fest dem Ende entgegen ging, verabschiedete ihn ein gut gelaunter Jacob mit den Worten: "Also dann, auf ein baldiges Wiedersehen in der Altersklasse M50!"
      

*

     Seit dieser Zeit schien es ihm, als hätten der Neid und der Ehrgeiz einen Schatten auf sein sonst so heiteres und entspanntes Laufen geworfen. Von Jacob erzählte man sich, dass er beim Training jetzt mächtig reinhauen würde. Und weil Ben vor seinen Kameraden kein Spielverderber sein wollte, begann auch er bei dieser Sache mitzumachen. Erst zögernd, dann immer williger. Allmählich begann ihn der Gedanke an einen Altersklassen-Sieg doch gefangen zu nehmen. Er verschärfte sein Training, lief öfter und länger als er eigentlich wollte. Er begann, sich zu schinden. Machte es ihm überhaupt noch Spaß?
     Und dann war es eines Tages so weit. Das Leichtathletik-As aus der Nachbarstadt, der Seriensieger des damaligen Volkslaufs fehlte am Start. "Verletzung", hieß es. Und ebenso ging das Wort die Runde, dass heute der große Wettkampf zwischen Jacob und Ben, ja, zwischen ihren beiden Vereinen ausgetragen würde. "Heute wird man ja sehen, wer der Bessere ist!"
     Wenn Ben heute auf diese vergangenen Ereignisse zurückblickte, dann schienen sie ihm nur lächerlich. Aber damals hatte das eine ganze Reihe von Leuten sehr ernst genommen. Ben gestand sich ein: Er hatte zum Schluss auch dazu gehört. Niemand hatte schließlich ahnen können, was daraus werden würde.
      

*

     Es war wohl mehr als nur ein Zufall, dass Ben heute, viele Jahre danach, während des Laufens unbewusst auf die Strecke des damaligen Wettkampfs gestoßen war. Hier hatte also alles stattgefunden. Wenn er seine Phantasie spielen ließ, konnte er die dramatischen Ereignisse jenes Tages fast körperlich nachempfinden. Und er sah die Stationen des damaligen Rennens nochmal vor seinen Augen vorbeiziehen:
     Das Wetter war mäßig warm und windstill gewesen. Optimale Bedingungen, keine Möglichkeit für Ausreden. Dort war die Startlinie. Er und Jacob hatten sich eine günstige Position in der ersten Reihe verschafft. Im Gegensatz zu sonst hatten sie vorher keine guten Wünsche ausgetauscht. Nur verkniffenes Schweigen und kaum verhohlene Nervosität hatte sie beherrscht.
     Dann der Startschuss.
     Jacob und er hetzten los und schlugen sofort ein scharfes Tempo an. Keiner wollte dem anderen einen Vorsprung lassen. Ein Blick zur Uhr bei der ersten Kilometermarke: Rekordzeit!
     "Mein Gott", war Ben erschrocken. "Wenn es jetzt schon weh tut, wie soll ich dieses Tempo bis ins Ziel durchhalten?"
     Jacob hatte noch mehr beschleunigt, bald war er ein gutes Stück voraus. Andere Läufer schoben sich dazwischen und verdeckten Ben die Sicht nach vorne. Panik stieg in ihm hoch. War das Rennen schon entschieden? Der Konkurrent auf und davon? Erst drei mörderisch schnelle, quälende Kilometer weiter hatte er Jacobs weiß-blaues Trikot wieder vor sich erkannt. Gott sei Dank! Das gab Ben neue Kräfte. Meter um Meter kämpfte er sich heran. Hatte der andere sein Pulver zu früh verschossen? Machte er schon einen angeschlagenen Eindruck? Schließlich war es geschafft: Er überholte Jacob. Nur noch 2 Kilometer! Ben jubelte innerlich. Das war es doch! Er würde alles darangeben, den Vorsprung zu halten. In seinen Schläfen hämmerte der Puls. Wirre Bilder schwirrten ihm durch den Kopf. Und immer wieder dieser eine Gedanke, im Rhythmus der Schritte wiederholt: Al-ters-klas-se, Al-ters-klas-se ... Schon träumte Ben erste Gedanken vom Sieg. Er würde oben auf dem Treppchen stehen. Er würde den Pokal entgegennehmen. Er würde ...
     Plötzlich tauchte Jacob wieder neben ihm auf. Er gab sich noch nicht geschlagen. Ben hätte es wissen müssen.
     Diese letzten zwei Kilometer waren die schlimmsten, die Ben jemals durchlitten hatte. Seine Lungen pumpten wie ein Blasebalg, seine Beinmuskeln schmerzten unter dem höllischen Tempo. Ein stechendes Pulsieren jagte bei jedem Herzschlag durch seinen Körper. Dicht nebeneinander sprinteten Jacob und er. Keiner wollte auch nur eine Handbreit Vorsprung hergeben. Jacob keuchte und japste wie ein Ertrinkender und als Ben einen schnellen Seitenblick riskierte, erschrak er trotz der Anstrengung. Jacobs Kopf war krebsrot angelaufen, die Gesichtszüge aufs äußerste angespannt. Er sah einer Fratze ähnlicher als einem Menschen.
     Auf den letzten 500 Metern beschleunigte Jacob nochmals. Wo nahm er nur die Kraft her? Ben folgte ihm, so dicht es ging, aber mit jedem Schritt wurde ihr Abstand größer. Je näher sie dem Ziel kamen, desto mehr Zuschauer standen am Straßenrand, feuerten sie an, riefen ihre Namen. Das gab dem anderen den letzten Kick. Noch 200 Meter. Mit einer gewaltigen Energieleistung schnellte er sich vorwärts. Das war zu viel für Ben. Er musste mit ansehen, wie Jacob unhaltbar davonzog. Noch 100 Meter. Und aus! Fast 20 Meter vor ihm fegte Jacob über die Ziellinie. Das Rennen war entschieden. Ben hatte verloren.
     Als er Sekunden später durchs Ziel lief musste er reaktionsschnell einen Schritt zur Seite machen. Jacob war vor ihm zusammengesunken und kniete auf dem Asphalt. Ben wusste, was er zu tun hatte. Er drehte sich um, ging zu ihm zurück und streckte ihm von oben die Hand entgegen, um zu gratulieren. Einige Sekunden lang bot sich ein merkwürdiges Bild: Ein Sieger, röchelnd am Boden kniend, den Kopf gebeugt, wurde von einem aufrecht stehenden Besiegten beglückwünscht.
     Ben presste zwischen heftigen Atemstößen heraus: "Gratuliere! Hast gewonnen. Großartige Leistung."
     Aber sein Konkurrent griff nicht nach der angebotenen Hand. Vornüber gebeugt und mit beiden Ellbogen auf den Boden gestützt, hatte er noch kurz zu Ben aufgeblickt, wollte wohl aufstehen. Doch plötzlich, ohne Vorwarnung, verdrehte Jacob die Augen und kippte um, schlug mit einem hässlichen Klatschen auf den Asphalt und blieb dort reglos liegen. Es sah aus, als sei er tot.
     Die Zuschauer bemerkten den Vorfall nicht sofort. Sie wurden erst aufmerksam, als sie Ben laut schreien hörten:
     "Einen Arzt! Schnell, einen Arzt!"
      

*

     Ein Schauder durchfuhr Ben, als diese Szene so lebhaft aus seinem Gedächtnis auftauchte. Danach verwirrte sich seine Erinnerung. Alles war durcheinander gegangen. Leute waren auf ihn und den reglos daliegenden Jacob zugestürzt. "Was ist passiert?" "Wer ist das?" "Tut doch was!"
     Gott sei Dank war ein Rettungssanitäter da gewesen, der rasch gehandelt hatte. Auch ein Arzt war bald vor Ort. Jemand brachte Decken. Man hatte Jacob auf eine Trage gelegt und ihm eine Infusion gesetzt. Zischend strömte Sauerstoff in eine Atemmaske, die man ihm über sein verschwitztes Gesicht gestülpt hielt. Die Luftschläuche verfingen sich in seinen nassen, wirr verklebten Haaren. Während der Arzt Jacobs Herztöne und die Atmung abhorchte, zog er eine kritische Miene.
     Kurz darauf hatten sie Jacob in einem Krankenwagen weggefahren. Ben war in der Menge ratlos zurückgeblieben. Ein beklemmender Schatten war auf die vorher so ausgelassenen Zuschauer und Läufer gefallen. Keiner zeigte mehr Interesse an einer Siegerehrung oder an den Platzierungen. Die Veranstaltung löste sich rasch auf. Jeder ging seiner Wege mit trüben Gedanken, was Jacob wohl passiert sein mochte.
     Ein paar Tage später hatten sie ihn im Krankenhaus besucht. Jacob hatte etwas von "vorübergehenden Problemen mit dem Herzen" gemurmelt und versichert, es würde schon wieder werden. "Nur ein bisschen Schonung und dann ..."
     Aber Ben war der Schimmer des Zweifels in Jacobs Augen nicht entgangen.
     Er sollte recht behalten. Jacob wurde nie mehr der alte. Zwar begann er Monate später wieder mit seinem Training und nahm auch wieder an Volksläufen teil, doch irgend etwas war an jenem Tag in ihm zerbrochen. Er kam nun weit hinter Ben ins Ziel, machte einen matten und kraftlosen Eindruck. Sein Gesicht wirkte grau und eingefallen. Die Tage, an denen sie sich beide im Ziel glücklich die Hand geschüttelt hatten, waren unwiderruflich vorbei.
     Irgendwann erschien Jacob gar nicht mehr. Man erzählte, dass er auch in seinem Verein nicht mehr aktiv sei. Und mit der Zeit hatte Ben ihn ganz aus den Augen verloren. Wie so viele andere.
     Heute hatte er Jacob nach langer Zeit zum ersten Mal wieder gesehen. Ben hatte ihn besucht.
     Im Krankenhaus.
     Auf der Intensivstation.
     Er hatte es zunächst nicht glauben wollen, aber nach kurzem Nachdenken war es ihm nicht mehr so unvorstellbar erschienen:
     Jacob hatte einen Herzinfarkt gehabt!
      

*

     Der Arzt, der Ben im Krankenhaus empfangen hatte, hatte ihm vor der Tür des Patientenzimmers erklärt, dass Jacob halbseitig gelähmt sei und nur mühsam sprechen könne. Ben solle nur wenige Minuten mit ihm reden. Es strenge ihn zu sehr an.
     Jacob hatte furchtbar ausgesehen. War das der Jacob, den er gekannt hatte? Aber er war immerhin ansprechbar und Ben hatte ihn getröstet:
     "Wird schon wieder, alter Knabe. Das schaffst du schon. Wirst sehen: Irgendwann laufen wir wieder miteinander. Wir zwei! So wie früher."
     Und was man sonst bei solchen Gelegenheiten eben sagt, obwohl man weiß, dass der Kranke in Zukunft ein schweres Schicksal tragen muss.
     Jacob hatte nicht geantwortet, hatte wohl ein schwaches Lächeln versucht, das ihm aber misslang. In seinen Augen waren Tränen gestanden.
     Der Arzt hatte es Ben danach erzählt: "Es ist letzte Woche passiert. Sein Pech war, dass man ihn zu spät gefunden hat. Vielleicht wird er einen Teil seiner Lähmung überwinden können, aber sein Gehirn bleibt dauerhaft beeinträchtigt. Erschwert wird das ganze durch Vorschädigungen von früher. Er hat sich überlastet. Zu viel, zu lange."
     Also doch die Geschichte von damals! Ben schluckte schwer, als er fragte: "Wird er wieder laufen können? Ich meine: So wie ich, im Training oder bei Wettkämpfen?"
     Die Antwort war ihm grausam und ungerecht vorgekommen: "Nein, das wird ihr Freund nie wieder können. Es tut mir Leid."
      

*

     Jetzt, beim Laufen, suchte Ben einen Ausweg aus seiner Verzweiflung. Jacob war doch erst so alt wie er! Warum musste das passieren? Wo lag hier der Sinn? Gab es überhaupt einen?
     Als ob er es geplant hätte, erreichte er gerade in diesem Moment auf der alten Volkslaufstrecke den Ort des damaligen Zieleinlaufs. An solch einem Tag gab es scheinbar mehr Zufälle als sonst. Die Bäume standen immer noch wie damals. Nichts schien sich seit jenem Tag verändert zu haben. Hier war die Ziellinie verlaufen, dort war Jacob zusammengebrochen.
     "Wenn ich gewusst hätte, was aus diesem dummen Wettkampf wird, dann hätte ich nicht mitgemacht", klagte er sich an.
     Doch er sah ein, dass niemand damit hatte rechnen können. Keinem war ein Vorwurf zu machen. Auch Jacob nicht. Dieser Lauf und dieser Sieg waren sein Schicksal gewesen. Wie hatte gleich wieder dieser antike Feldherr geheißen, der zwar eine Schlacht gewonnen hatte, aber den Sieg so teuer erkaufte, dass daraus seine größte Niederlage wurde? Pyrrhus? Ja, das war wohl der Name. Scheinbar wiederholten sich die Leiden der Menschen immer wieder von neuem. Gestern Pyrrhus, heute Jacob.
     Und als Ben an diesem Ort stehenblieb, der sich so wenig seit jenem Tag verändert hatte, als er alles nochmal bedachte, da überkam ihn auf einmal das Gefühl großer Dankbarkeit. Was er auch für Sorgen haben mochte, eines musste er sich immer deutlich vor Augen halten: Er konnte, ja, er durfte noch laufen. Er stand da, als Letzter von vielen, die es nicht mehr bis hierher schaffen konnten.
     Mit einem Lächeln stellte er sich vor, er wäre damals, an jenem Unglückstag am Start losgelaufen und erst jetzt hier angekommen. Er war nie stehengeblieben, war immer weitergerannt. Er war aufrecht geblieben. Er hatte überlebt. Er war als Letzter ins Ziel gekommen. Und in der langen Reihe von Menschen, die er auf seinem Weg kennen gelernt hatte, war er der Letzte, der überhaupt noch fähig war, dieses Ziel hier zu erreichen.
     Vielleicht eine große Leistung, sicher aber ein großes Geschenk. Ein Geschenk, von wem auch immer.
     Wer hatte jemals behauptet, Ben sei nie ein erfolgreicher Läufer gewesen?
     "Dass ich an diesem Tag hierher kommen konnte, das ist mein eigentlicher Erfolg!" erkannte er.
     Als er das begriffen hatte, wurde ihm leichter ums Herz. Und die Ruhe, die er den ganzen Tag lang gesucht hatte, kehrte endlich zu ihm zurück. Morgen würde er Jacob wieder besuchen, das stand fest. Man würde sehen: Vielleicht war Jacobs Schicksal doch noch nicht besiegelt. Sie würden daran arbeiten. In kleinen Schritten. Gemeinsam.
     Ben setzte sich wieder in Bewegung, lief weiter, ließ diesen Ort endgültig hinter sich. Rasch entfernte sich das Geräusch seiner Schritte. Bald war nur noch das Rauschen des Windes in den Baumkronen und das Singen der Vögel zu hören. Bens Gestalt wurde immer kleiner in der Ferne, bis er schließlich am Waldrand ganz verschwand.

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