Marathon

© Lauftreff Hainsacker


     "Der antike Marathon-Läufer ist ein rundum tragischer Held: Er hieß nicht nur nicht Pheidippides, er ist nicht nur nicht von Marathon nach Athen gelaufen, er ist dort nicht nur nicht tot zusammengebrochen, es hat ihn nicht einmal gegeben. Er ist eine Erfindung viel später Geborener."

Dieter Eckart, Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 24.10.1987 

*

     Ohne Vorwarnung und mit einem hässlichen, metallisch-singenden Geräusch brach das Höhenruder der rechten Tragfläche weg. Ein weiterer dumpfer Schlag erschütterte das kleine Flugzeug, als die wegfliegenden Trümmer auf das Seitenruder trafen und es wie ein Messer abschnitten. Sofort kam die Maschine ins Trudeln und neigte sich seitwärts, ein Aufschrei gellte durch die Kabine, Menschen wurden durcheinandergeworfen, Himmel und Erde führten vor den Fenstern einen wilden Tanz auf. Nur der Pilot versuchte noch verzweifelt, die Kontrolle über die Maschine zu behalten, aber es war kaum noch etwas zu machen. Es ging rasend schnell abwärts. Da war eine kleine Fichtenschonung voraus, vielleicht eine winzige Hoffnung? Mit dem Geräusch brechender Äste und knirschendem Metall stürzte die Maschine mitten hinein, überschlug sich und brach vollends auseinander. Das Schreien der Besatzung riss abrupt ab. Was folgte, war nur noch Stille ...

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     Das erste, was Jack hörte, war das Singen eines Vogels – ein leises, melodisches Lied in der Stille. War er schon im Paradies? Er hob den Kopf und sah sich um. Ein heftiger Schmerz erinnerte ihn daran, dass er wohl noch nicht so weit war. Kopfschmerzen gehörten bestimmt nicht ins Paradies. Das war immer noch die gute alte Erde – er hatte überlebt.
     Nur langsam klärten sich seine Gedanken und er erinnerte sich: Zu viert waren sie am Morgen mit dem Flugzeug aufgebrochen, um in diesem fernen Distrikt im Osten von Fort Simpson geologische Erkundungen durchzuführen. Dann kam alles ganz anders, jetzt waren sie gestrandet, zerschellt an diesen Vorbergen der Rocky Mountains. Er spürte, wie er fror – kein Wunder: in diesem Teil Kanadas wurde es im September auch tagsüber schon ziemlich kalt. Wie lange lag er eigentlich schon hier? Es mussten Stunden sein. Und – wie ging es den anderen? Mühsam richtete Jack sich auf. Immerhin schien ihm nicht viel zu fehlen, denn nach ein paar wackligen Schritten ging es ihm schon besser. Aber wie sah es hier aus! Trümmer ringsherum, einige rauchten noch still vor sich hin.
     "Ja, ja", dachte Jack grimmig. "Runter kommen sie alle." Immerhin schon ein Anflug von Galgenhumor.
     Nach und nach fand er die anderen: Joe war noch ohne Bewusstsein, aber er atmete. Und auch der alte Tom war schon wieder munter, aber Jack hatte ihn erst unter ein paar Metallverstrebungen herausziehen müssen. Offenbar war bei Tom einiges gebrochen, denn an ein Aufstehen war bei ihm nicht zu denken. Am schlimmsten hatte es Hardy, den Piloten erwischt. Ihn hatte es beim Aufprall aus dem Cockpit geschleudert und so lag er immer noch: blutüberströmt und bleich, einen Arm in unnatürlichem Winkel wegstehend. Das einzige, was Jack übrig blieb, war, das Notzelt unter den Wrackteilen hervorzuziehen, sie alle drei auf improvisierten Lagern hineinzulegen und ihre äußeren Verletzungen notdürftig zu versorgen. Jetzt rächte es sich, dass sie kaum Ausrüstung dabeihatten; wollte man doch nur kurz ausbleiben und am Nachmittag wieder zurück sein. Für so einen kurzen Ausflug hatten sie es auch nicht für nötig befunden, ihr Ziel beim Abflug anzugeben. Das kam eben davon, wenn man als Prospektorenteam fast Narrenfreiheit genoss ...

*

     Sein Herz hatte heftig geklopft, als er das Funkgerät vor sich aufgebaut und die Sendetaste betätigt hatte: Nichts. Keine Reaktion! Da half alles Probieren nicht: das Ding war nur noch ein Haufen Schrott. Eine bodenlosen Enttäuschung machte sich in ihm breit und ließ sein Herz zusammenkrampfen. Wie sollte man sie hier je finden? Jack begriff, dass sie in noch viel ernsteren Schwierigkeiten steckten, als er gedacht hatte.
     Inzwischen war auch Joe wach geworden und sie beratschlagten zu dritt, was sie jetzt tun könnten. Hardy lag immer noch bewusstlos, in einen Stapel Decken gewickelt. Nur ab und zu ließ er ein Stöhnen und Wimmern hören.
     "Wenn uns schon niemand hier suchen wird, so wissen wenigstens wir, wo wir sind", begann Joe. "Flieger sind bekanntlich ein faules Volk und folgen sichtbaren Landmarken, zum Beispiel Straßen. Auch wir haben das getan und liegen daher direkt neben der alten Passstraße über das Mackenzie-Gebirge."
     "Könnte das bedeuten, dass bald jemand vorbeikommt?" fragte Joe hoffnungsvoll.
     Doch der alte Tom schüttelte nur den Kopf. "Hier gibt es schon lange keinen Verkehr mehr, seit sie die bequemere Straße im Süden gebaut haben, und schließlich sind die Orte weiter im Gebirge drinnen schon seit Jahren verlassen. Hier kommt niemand vorbei. Und die nächste Ortschaft liegt eine halbe Flugstunde weiter im Osten."
     "Klar, Straßen braucht man ja nicht mehr, seit es so bequeme Transportmittel wie Flugzeuge gibt", spottete Joe und wollte sogar ein wenig über seinen Scherz lachen, aber die heftige Bewegung ließ ihn vor Schmerz zusammenzucken und röcheln. Nach kurzer Zeit hatte er sich wieder erholt.
     "Lass gut sein, Jack, ich bin in Ordnung, Du weißt ja: Unkraut vergeht nicht", sprach er nach einer Weile wieder. "Aber um Hardy mache ich mir Sorgen", und er blickte hinüber zu dem Piloten. "Er steht unter schwerem Schock und hat wahrscheinlich innere Verletzungen, von seinen äußeren Wunden ganz zu schweigen. Er braucht Hilfe, und zwar schnell !"
     "Wir alle brauchen das", warf der alte Tom ein. "Der Wetterbericht war heute Morgen nicht besonders vielversprechend. Von Osten rückt die erste Schneefront des Winters an. Wenn dann die Stürme losgehen, kann man uns bald nur noch als Eiswürfel gebrauchen. Schau hinaus, es wird schon dunkel. Wir können froh sein, wenn wir die Nacht einigermaßen überstehen."
     Jack hatte der Unterhaltung schweigend zugehört, dann richtete er sich auf. Sein Entschluss war gefallen, er würde es riskieren; er musste es. Die Augen der anderen richteten sich fragend und hoffend auf ihn.
     "Ich werde gehen!" sprach Jack aus. "Eine halbe Flugstunde bis zur nächsten Ortschaft, sagtest du, das sind ..."
     "... 150 Kilometer." bestätigte der alte Tom und nickte bedächtig.

*

     Da stand er nun in der beginnenden Abenddämmerung. Das Wrack des Flugzeugs war von der Straße aus noch gut zu sehen, aber was nützte das jetzt? Was an verfügbarer Ausrüstung zu brauchen war, hatte er in seinem Rucksack. Warme Kleidung, Proviant, eine Taschenlampe, den Feldstecher, eine Wasserflasche und – einen Revolver, man wusste ja nie. Ein letztes Mal blickte er zurück und dann ging er los, immer in Richtung Osten. Zuerst langsam, einen Schritt vor den anderen setzend, dann versuchte er es schneller, doch der lange Parka und der schwere Rucksack behinderten ihn. Er blieb wieder stehen. Das Wimmern von Hardy lag ihm noch im Ohr. Einhundertfünfzig Kilometer in diesem Tempo, das reichte nicht. Er musste spätestens bis zum Nachmittag des nächsten Tages in diesem kleinen Ort mit dem Namen "Two Creeks" ankommen, wenn noch ein Rettungshubschrauber vor Einbruch der nächsten Nacht starten sollte. Er musste es schaffen!
     Also wieder ein Versuch, schneller zu gehen, aber der Rucksack war einfach zu schwer. Erneut blieb er stehen und blickte zu Boden. Nicht einmal feste Wanderschuhe hatte er für den vermeintlich kurzen Ausflug angezogen, sondern das waren seine alten Laufschuhe ...
     Unwillkürlich dachte er daran, was er in diesen Schuhen schon alles getan hatte. Trainingsläufe und viele Kilometer hatte er zurückgelegt, damals, vor zwei Jahren und schließlich war er in Boston beim Marathon mit ihnen gelaufen. Er hatte sich so locker und schnell gefühlt damals und die Schuhe hatten ihm gedient, als ob sie nur eine natürliche Verlängerung seiner Füße gewesen wären. Es war ein Triumphzug gewesen und im Ziel hatte er gedacht ‚Was, so früh schon?‘ ... So kam es, dass er wegen einer gewissen Nostalgie immer noch an diesen Schuhen hing. Er führte diesen Gedanken weiter und kam zu einem weiteren Entschluss, einem noch schwerwiegenderen. Es war ein hohes Risiko, aber was blieb ihm übrig? Ob er auf die eine oder auf die andere Weise umkam, das war schon egal. Entscheidend war, dass er es versucht hatte.
     Jack setzte den Rucksack ab und packte aus. Alles! Nur den Proviant behielt er. Dann zog er seine warmen, dicken Sachen aus und warf sie auf die Straße, nur eine leichte Jogginghose und eine dünne Jacke behielt er an. Sorgfältig schnürte er die Schuhe und setzte den nun sehr leichten Rucksack wieder auf. Entschlossen sah er nach vorne und begann, loszutraben.
     Jack würde die Strecke laufen !

*

     Nach einigen Kilometern waren die Kopfschmerzen verflogen und die Kälte aus den Gliedern gewichen. Auch seine Prellungen von der Bruchlandung spürte er kaum noch.
     "Es ist wie beim Marathon", hatte Jack sich vorgenommen. "Nur nicht zu schnell angehen. Langsamer Trab. Die Strecke ist schließlich auch ein bisschen weiter."
     Seine Schuhe knirschten in dem harten, ebenen Kiesbett der Straße. "Eigentlich gut zu laufen hier", freute sich Jack. "Auch Wasser werde ich in dieser Gegend genug finden", machte er sich Mut. "Ich muss nur durchhalten. Ich bin gut im Training. Ich kann – nein: Ich werde es schaffen!" Das Tempo kam ihm niedrig vor, das war gut so.
     Weiter ging es in mittlerweile völliger Nacht dahin, nur die Sterne warfen einen matten Schein und beleuchteten seinen Weg. Auch das war eine vertraute Situation für Jack, schließlich hatte er auch bei Nachtläufen schon mitgemacht. Aber da waren immer Leute um ihn herum und der nächste Verpflegungsstand nie zu weit weg gewesen. Er musste an die Vorräte im Rucksack denken. Mehr hatte er nicht dabei, diesmal gab es keine bequeme Sicherheit. Diesmal konnte man nicht einfach aussteigen, nur das Ziel zählte. "Jetzt zeig, was du kannst ...", murmelte er vor sich hin. "Jetzt kannst du alles anwenden, was du je übers Laufen gelernt hast."
     Er versuchte, sich an all das zu erinnern, was er in den vielen Jahren an Wissen zusammengetragen hatte. Da war die Sache mit dem Fettstoffwechsel und der richtigen Geschwindigkeit auf den Langstrecken. "Viel trinken und regelmäßige Nahrungsaufnahme ist entscheidend", zitierte er sich selbst. Da war auch der richtige, dem Tempo angepasste Schritt und die aufrechte Körperhaltung, die ihm in den langen Jahren in Fleisch und Blut übergegangen waren. "Immer an die Armbewegung denken, deine alte Schwäche!" Und da war die in vielen Wettkämpfen erworbene Erfahrung über den ‚schmalen Grat‘, auf dem er sich in Gedanken bei den langen Strecken bewegte. Dort, wo das Tempo langsam und bequem war, da hatte er sich im Wettrennen immer vorgestellt, auf einem breiten und ungefährlichen Weg unterwegs zu sein, bequem, aber uninteressant. Je schneller das Tempo wurde, je näher er in den Grenzbereich seiner Leistungsfähigkeit gekommen war, um so schmaler wurde der Grat, auf dem er balancieren musste. Lange hatte er gebraucht, bis er herausgefunden hatte, welches Tempo in welcher Situation noch möglich war, wann der imaginäre Grat noch nicht zu schmal wurde, um nicht abzustürzen. Und immer wieder war er auf der Suche gewesen, nach weiteren Tricks und Trainingsmitteln, um diese Grenze noch ein Stückchen weiter hinauszuschieben. Zeitweise hatte diese Suche und dieses Streben schon fast manische Züge angenommen gehabt und natürlich war das nicht ohne Probleme abgegangen, hatten die anderen ihn gefragt: "Warum machst du das alles eigentlich?" ...
     War da nicht eine Bewegung vor ihm gewesen? Jack war schon so sehr in die Monotonie seiner Schritte verfallen, dass er nicht mehr auf den Weg geachtet hatte. Hauptsache vorwärts. Aber er musste sich getäuscht haben. Das Land um ihn herum lag still und leer. Die Straße war wie ein Weg ins Nichts, von Bergen unbestimmter Gestalt begrenzt. Die niedrigen Büsche der Tundra ließen dem Blick ein weites Feld in die Schwärze. So versuchte er wieder, ein wenig abzuschalten. Doch! Da war etwas, ein Blinken vor ihm auf der Straße, es kam näher und näher, er überholte es schließlich. Als er so nahe heran war, hörte er auch ein unverkennbares Knurren: Wölfe! Das waren Wölfe!
     Als ob er nicht schon Schwierigkeiten genug gehabt hätte! Und der Revolver lag natürlich viele Kilometer hinter ihm auf der Straße. Aber wozu wäre der auch nütze gewesen. Erschoss er einen von denen, kamen zwei neue nach.
     "Was soll’s", dachte sich Jack. "So ein Wolf ist ja auch nur eine Art Hund, und mit Hunden hab‘ ich beim Laufen noch nie Probleme gehabt." Und er lief einfach weiter und beachtete sie nicht. "Nur keine Angst zeigen", nahm er sich vor.
     Jack spürte, wie sie ihm hinterher trabten, bestimmt ein halbes Dutzend Tiere. Nach ein paar Kilometern überholten ihn einige wieder. Furchtlos lief er ihnen entgegen und sah zu ihnen hinüber. "Was wollt ihr denn hier?", rief er ihnen laut zu. "Verzieht Euch nach Hause!"
     Und tatsächlich, scheinbar spürten sie, dass sie hier keine leichte Beute vor sich hatten, vielleicht war es ihnen auch einfach zu mühsam, die Verfolgung noch weiter fortzusetzen. Jack merkte, wie sie hinter ihm zurückblieben. Schließlich waren sie ganz verschwunden.
     Jack registrierte es mit Genugtuung und hing wieder seinen Gedanken nach. Er war nicht immer seiner jetzigen Tätigkeit nachgegangen. Einst hatte er in einer anderen, größeren Stadt gewohnt, einen bequemen Bürojob gehabt und da war noch etwas: Jack hatte lange nicht mehr daran gedacht. Sie hatte Mary geheißen! Mary war eine wunderbare Frau gewesen, sie hatten sich gut verstanden und schon eine Weile zusammengelebt. Wenn da nur nicht das Laufen gewesen wäre!
     "Musst du denn schon wieder trainieren?" hatte sie ihn öfter gefragt. Sie konnte einfach nicht verstehen, dass er fast jeden Tag draußen sein wollte, am besten beim Laufen. Eine Zeit lang hatte sie sogar irgendeine Rivalin unter seinen Laufkameraden vermutet und war fast enttäuscht, als sie gesehen hatte, dass dem nicht so war. Trotzdem wurde sie immer unleidlicher.
     "Du interessierst dich wohl mehr fürs Laufen als für mich", warf sie ihm immer vor, wenn er wieder mal eine Laufzeitschrift oder ein entsprechendes Buch las. Meistens war es dann sinnlos, darüber noch weiter zu diskutieren. Früher hatte Jack versucht, ihr klarzumachen, dass er weit weniger Zeit mit dem Laufen verbrachte, als Marys Freundinnen und deren Männer vor dem Fernsehapparat, und dass sie beide doch viel miteinander unternahmen, aber irgendwann war sie für alle seine Argumente unzugänglich geworden.
     Jack erinnerte sich noch an die Vorbereitung auf den Boston-Marathon vor zwei Jahren, da hatte er noch mehr trainiert als sonst und ihr Verhältnis war dadurch endgültig in eine Krise geraten.
     "Wem nützt es eigentlich, wenn du so viel trainierst? Erster wirst du ja doch nicht", warf sie ihm immer wieder vor.
     Als er dann den Marathon gelaufen war und seine neue Bestzeit aufgestellt hatte, wollte er bei seiner Rückkehr Mary stolz davon erzählen und ihr vorschlagen, dass er jetzt weniger trainieren würde. Aber als er nach Hause gekommen war, da war niemand mehr da gewesen. Auch ihre Möbel hatte sie mitgenommen. Da war nur noch dieser Brief auf dem Tisch, den er gelesen und dann zerknüllt hatte. Er wusste es noch genau, an diesem Tag hatte er dieselben Schuhe angehabt, die er jetzt gerade trug.
     Einzig beim Laufen fand er damals Trost, doch eine Verbissenheit und Bitterkeit hatten von ihm Besitz genommen. Er trainierte noch härter und machte sich eine Freude daran, in Wettkämpfen andere einzuholen, eine Weile zu jagen und dann an ihnen vorbeizuziehen, sie regelrecht zu zerstören, am liebsten kurz vor dem Ziel. Das war seine Art der Rache gewesen und es machte ihn gefürchtet bei der Konkurrenz und beliebt im eigenen Verein, doch das war schon eine andere Geschichte.
     Jack lief weiter durch die Nacht. Wie lange war er jetzt schon unterwegs? Ein Blick zur Uhr zeigte ihm: schon 5 Stunden. Die Strecke konnte er nur schätzen, aber auf seiner imaginären Marschtabelle lag er gut in der Zeit. Aber eben diese Zeit schien jetzt in der Nacht sein ärgster Gegner zu werden. Quälend langsam verstrich sie und es schien ihm, als sei er verdammt, für immer und ewig durch einen dunklen Tunnel zu laufen. Außerdem wurde er müde. Manchmal merkte er, wie er unterm Laufen eingenickt war und sich an die letzten Augenblicke nicht mehr erinnern konnte. Oft schreckte er erst hoch, wenn er auf das unebene Kiesbett am Straßenrand geriet. Aber sein Instinkt trieb ihn weiter. Nur hin und wieder blieb er kurz stehen, um unvermeidliche Bedürfnisse zu erledigen. Manchmal trank er einen Schluck, wenn er neben der Straße einen der zahlreichen Wasserläufe bemerkte. Ab und zu aß er etwas, möglichst ohne Tempo zu verlieren. Der Rucksack wurde leichter.
     "Immer vorwärts, nie anhalten. Wer anhält, kommt um", hatte er sich in seinen Wettkämpfen immer vorgestellt. Daran hielt er sich auch jetzt.
     Jack hatte gar nicht bemerkt, dass sich etwas geändert hatte. Irgendwann konnte er weiter sehen, als bisher und es dauerte eine Weile, bis sich die Erklärung in sein träges Hirn vorgearbeitet hatte: Das waren die Vorboten der Dämmerung. Immer heller wurde es, und vor ihm im Osten erschienen die ersten rosigen Wolken in der Morgendämmerung. Ein Licht der Hoffnung? Auch konnte er sehen, dass die Berge um ihn herum schon in niedrige Hügel übergegangen waren. Eine weite Tundrenlandschaft breitete sich vor ihm aus und ein paar eisige Windstöße machten ihn wieder etwas munterer. Ein Blick auf die Uhr: Acht Stunden unterwegs! War er jemals schon so lange gelaufen? Nein. Er hatte einst mit dem Gedanken gespielt, auch einmal Ultraläufe zu machen, aber ...
     "Was, so weit willst du laufen?", hatten seine früheren Arbeitskollegen gespottet. "Das wird ja zur richtigen Sucht bei dir", meinten sie. Sein mittägliches Training war in der Firma zu einem beliebten Witzthema geworden.
     "Seht mal, wie dünn er geworden ist." "Ja, ja, seit seine Mary nicht mehr für ihn kocht, ernährt er sich ja nur noch von Power-Bars." und "Wenn er bei Wind laufen geht, braucht er einen Bleigürtel", waren nur die harmloseren Sprüche, die sie über ihn rissen.
     Er wollte es trotzdem versuchen und hatte seine Trainingsumfänge deutlich erhöht, aber das war nicht ohne Folgen geblieben. Sein Bürojob verlangte volle Konzentration und irgendwann reichte die Zeit zur Regeneration nicht mehr aus. Er beging kleine Fehler, manchmal war er auch einfach müde und nicht richtig bei der Sache. Da konnte es nicht ausbleiben, dass ihn eines Tages der Chef ins Büro zitierte und ihm unmissverständlich klarmachte, dass es so nicht weitergehen dürfe. Schließlich würde er für seine Arbeitsleistung bezahlt und nicht fürs 'Herumlaufen', so erklärte er ihm. Gegen ein bisschen Jogging hätte er ja nichts, sagte sein Chef, aber ...
     Jack hasste es schon, wie der das Wort ‚Jogging‘ aussprach. Seinem Chef sah man an, dass er es nie machte. Jack hätte viel entgegnen können. Dass er mindestens genauso viel arbeitete, wie seine Kollegen, wahrscheinlich sogar mehr, denn seine Krankheitsrate war nicht zuletzt durchs Laufen sehr niedrig. Er hätte sagen können, dass das eben seine Art war, für einen gesunden Ausgleich zu sorgen und dass er dann auch längere Arbeitspensen besser bewältigte. Er hätte vorbringen können, dass er über richtige Ernährung und gesundes Leben mehr wusste, als mancher Arzt; dass er die Gesellschaft weniger Geld kostete, als die vielen Wohlstandsbürger, die schon in mittlerem Alter auf Kur gingen. Arbeitsausfälle dieser Art waren paradoxerweise erlaubt? Aber er wollte nichts erwidern, saß einfach nur da und hörte sich an, was dieser Ignorant ihm entgegenwarf. Er hatte in Wettkämpfen so viel ausgehalten, da kam es darauf auch nicht mehr an. Seinen Chef hatte dies zum Teil verärgert, zum Teil wohl auch ein wenig eingeschüchtert. Jack war ihm unheimlich geworden. Als Jack dann von dem Posten bei dieser Prospektorengruppe in der kanadischen Provinz gehört hatte, bewarb er sich sofort. Er hatte den Eindruck, in seiner alten Firma war man froh, dass er ging.
     Er wurde aus seinen Erinnerungen herausgerissen, als die Sonne vor ihm aufging. Da schaute Jack wieder einmal auf die Uhr: 10 Stunden! Er war langsamer geworden, nahm seine Umgebung auch nicht mehr richtig wahr. Jetzt hätte es ihm geholfen, wenn er damals doch ein paar Ultralauf-Erfahrungen gemacht hätte. Doch die wärmenden Strahlen der Sonne gaben ihm neue Kraft. Eigentlich war die Landschaft um ihn herum von grandioser Schönheit: weite, rollende Ebenen mit spärlichem Bewuchs von Büschen und widerstandsfähigen, niedrigen Bäumen, viel Wasser und viel Himmel. Doch Jack versuchte, sich auf das Ziel zu konzentrieren, nicht aufzugeben. Dass er in seinen Schuhen inzwischen etliche Blasen gelaufen hatte, störte ihn nicht mehr. Irgendwann hatte der Schmerz einfach aufgehört. Jack saugte sich statt dessen mit seinen Augen am Horizont fest, immer in der Hoffnung, dass dort etwas auftauchen mochte, was ihm weiterhelfen konnte. Er lief immer der steigenden Sonne entgegen, mitten in die Helligkeit hinein, fast schien es ihm, als müsste die Straße vor ihm bis in den Himmel hinaufführen. Dort könnte er dann anhalten, rasten und es sich auf einer Wolke bequem machen.
     Aus diesen verwirrten Gedanken riss ihn auf einmal ein Blinken am Straßenrand. Was mochte das sein? Er kam näher und näher, dann erkannte er es: Ein Straßenschild. Was es wohl zeigen mochte? Endlich konnte er es lesen: "Two Creeks, 30 Meilen".
     Noch mal eine Marathondistanz! Jack wollte mutlos werden. Er hatte so sehr gehofft, dass es nicht mehr so weit sei. Sein Rucksack war fast leer. Er öffnete ihn. Nur noch ein paar Süßigkeiten und ein Stück Brot waren da. Er aß alles auf einmal und spürte sofort, wie ein wenig Kraft zurückkam. War ihm so etwas Ähnliches nicht schon einmal passiert? Ja: Einmal, so erinnerte er sich, war er bei einem Marathon der festen Überzeugung gewesen, als nächstes müsste das Kilometerschild 34 kommen, aber es kam erst die 33. Doch was half es. "Schluck's runter und mach einfach weiter", hatte er sich damals gesagt. Ein paar Minuten später war die Enttäuschung vergessen gewesen.
     "Und so mache ich es jetzt auch", sprach er laut vor sich hin, warf den leeren Rucksack weg und setzte sich wieder in Trab.
     Seine Eile wurde noch größer, als er sah, wie sich eine Wolkenwand vom Osten heraufschob. Bald war die Sonne wieder verschwunden. Das ist die Schlechtwetterfront, von der der alte Tom gesprochen hat, erinnerte sich Jack. Ich muss schneller werden. Er versuchte nochmal abzuschätzen, wann er im günstigsten Fall in Two Creeks ankommen konnte, wenn er sein bisheriges Tempo zugrundelegte. Aber es gelang ihm nicht. Jedes Mal, bevor er es ausgerechnet hatte, da hatte er irgend ein Zwischenergebnis seiner Kalkulation wieder vergessen. Es war, als ob er nur eine träge Masse im Kopf hätte, die sich dem Denken widersetzte. Schließlich resignierte er und begnügte sich damit, einfach noch schneller werden zu wollen.
     Doch es wurde härter und härter. Nur mit seiner Willenskraft trieb er sich vorwärts. Manchmal sah er Bilder und Ereignisse aus früheren Tagen so deutlich vor sich, dass er von der Umgebung nichts mehr wahrnahm.
     Und immer wieder sah er Mary und all die anderen vor sich, wie sie ihn fragten: "Warum trainierst du so viel?". Jetzt antwortete er ihnen trotzig in Gedanken: "Seht her: Darum!"
     Wenn er wieder klar sehen konnte, dann schien die Landschaft vor ihm hin- und herzuschwanken. Ein paar heftige Windböen strichen über das Gras und rauschten in den Büschen. Der Wind roch nach Schnee und Kälte und mahnte ihn: "Beeilung, Beeilung!" Dann erinnerte sich Jack an den armen Hardy und die anderen, wie sie weit weg in diesem Zelt lagen und darauf hofften, dass er durchkam. "Macht euch keine Sorgen, Jungs. Ich werde durchkommen!" murmelte er dann und konzentrierte sich wieder auf seine Schritte. Manchmal wäre er fast gestürzt, aber der Instinkt hielt ihn aufrecht. Bewegungsmuster, millionenfach eingeschliffen, fanden von alleine den Weg zu seinen Beinen.
     Irgendwann, Jack hätte nicht mehr sagen können, nach wie langer Zeit, bemerkte er auf einmal eine Veränderung vor sich. Was war das? Ein Trugbild? Nein! Als er näherkam, war er sicher: Da stand ein Haus! Ein einfaches, weißes Haus aus Holz. Jack hatte den Eindruck, in seinem Leben noch nie etwas Schöneres gesehen zu haben. "Und schau mal, dort drüber stehen noch mehr. Das muss der Ort Two Creeks sein." Jetzt blickte er doch wieder einmal zur Uhr. Es war früher Nachmittag. Die Chance war noch nicht vertan!
     Als er beim ersten Haus auf dem Hof einlief und die Hunde kläfften, da kam er sich vor wie beim Überqueren der Ziellinie nach einem schweren, aber erfolgreichen Rennen. Aber zum Hochreißen der Arme fehlte ihm die Kraft. Die Bewohner hatten ihn schon bemerkt und kamen aus dem Haus, musterten ihn mit verwunderten Blicken. Jack brauchte ein paar Minuten, bevor er wieder sprechen konnte, irgend jemand hängte ihm eine Decke um und wollte ihn auf einen Stuhl setzen, doch Jack wusste, dass er jetzt stehen bleiben musste. Er war noch nicht ganz am Ziel.
     "Flugzeugabsturz ...", presste er hervor. "Gestern ..., dort hinten ..., Passstraße ..." Er deutete Richtung Westen. "Hundertfünfzig Kilometer entfernt ..., brauchen Hilfe ..."
     Er registrierte kraftlos, wie schwer ihm das Sprechen fiel. Scheinbar verstanden ihn die Leute trotzdem. Wahrscheinlich hatte sich schon herumgesprochen, dass ein Flugzeug vermisst wurde. Sie führten ihn nach drinnen und er hörte, wie einer von der Familie mit der Polizei telephonierte.
     "Ja, wir haben hier jemanden, der behauptet, er würde zu der vemißten Flugzeugbesatzung gehören. Ja, auf der alten Passstraße zum Mackenzie-Gebirge, 150 Kilometer weiter westlich ist es passiert, sagt er. Am besten schicken sie gleich einen Hubschrauber los, um nachzusehen. Was? Ob er das alles zu Fuß gegangen ist? Offensichtlich! Wir haben ihn kommen sehen und was soll ich ihnen sagen: Der Mann ist gelaufen, richtig gelaufen ..."
     Dann brachten sie ihm etwas zu essen, zu trinken. Es kamen noch mehr Leute, die ihn sehen wollten. Wenig später waren da auch zwei Polizisten, die ihn noch mal nach Einzelheiten des Unglücksortes fragten und per Funk weitergaben.
     Schließlich sagte einer: "Ihr wisst doch jetzt genug von ihm. Seht ihr nicht, wie müde er ist? Der Mann gehört sofort ins Bett!" Und sie brachten ihn in ein kleines Zimmer. Jeder Schritt dorthin war eine Qual, die Treppe mit ihren wenigen Stufen schien ewig lang. Doch als er vor dem Bett stand, wusste er, dass er es endgültig geschafft hatte.
     In diesem Moment wusste er auch, dass jetzt alle alten Rechnungen beglichen waren; alle Zweifel und aller Spott, alle Kritik und alle Bitterkeit, sie waren Vergangenheit. Ab heute konnte er von vorne beginnen. Er war auch niemandem mehr böse. Vielleicht konnte er in Zukunft alles besser machen. Ja, ganz bestimmt, das konnte er.
     Todmüde fiel Jack auf sein Lager. Er wollte noch sagen: "Jetzt braucht ihr mich nicht mehr zu fragen, wofür mein Training gut war ...", doch da war er schon eingeschlafen.

*

     Am nächsten Morgen erschien einer der Polizisten wieder in Jacks Zimmer und fand ihn am Fenster sitzen.
     "Tag, Mister", begrüßte er Jack. "Wollte noch mal bei ihnen vorbeischauen, aber ich sehe schon, dass sie wieder wohlauf sind. Ich denke, es wird sie interessieren, dass der Hubschrauber gestern noch fliegen konnte, bevor dieser Schneesturm kam. Alle ihre Kameraden sind gerettet worden. Auch der Pilot, wie heißt er gleich, ach ja: dieser Hardy. Also, die Ärzte haben gesagt, dass er wohl eine Weile im Krankenhaus bleiben muss, aber er wird durchkommen. Sie haben ihn gleich noch in der Nacht operiert. Von den beiden anderen soll ich schöne Grüße ausrichten und ihnen sagen, dass sie mächtig stolz auf ihren Marathon-Jack sind. Ja, so haben sie gesagt. All die Leute hier fragen sich immer noch, wie sie es in der kurzen Zeit bis hierher geschafft haben. Sie müssen ja richtig gelaufen sein? Unglaublich!"
     Jack nickte und wandte seinen Blick wieder aus dem Fenster, hinaus nach Westen, in die Richtung, aus der er gestern gekommen war. In der Ferne, nebelverhangen und unter einer frischen Schneedecke schimmerten die Berge des Mackenzie-Gebirges.
     Der Polizist folgte Jacks Blicken. "Ist ja wirklich ein mächtig weiter Weg bis dort hinten", bemerkte er.
     Jack schaute zu der fernen Linie am Horizont, und auf sein ausgezehrtes Gesicht schlich sich ein Lächeln, als er sagte: "Ja. Ein weiter Weg. Das war es allerdings."
      

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