Spuren im Schnee

© Lauftreff Hainsacker


In memoriam Helmut Pausch (1970 - 1992)


     Zwei Läufe haben mein Leben verändert. Zwei Weihnachtsläufe.
      Kurz bevor der Heilige Abend dämmerte, wollte ich noch ein wenig Ruhe finden und nachdenken. Außerdem wollte ich mir die Weihnachtsgans erst noch verdienen. Wie jedes Jahr verband ich beides bei einem kleinen Lauf durch den Wald. Unter jedem meiner Schritte staubte der frische Schnee. Fast schwebte ich über den weichen, weißen Grund. Und der Wald hatte sich in eine Märchenlandschaft verwandelt: Wie Zuckerwatte türmte sich's auf den Zweigen und die Erde hatte sich mit einem reinen, glatten Leintuch zugedeckt.
     Ich zog als erster eine Spur über den noch unberührten Weg. Genau vor einem Jahr waren dort zwei Spuren verlaufen. Ich schob diese Erinnerung weg. Ich wollte sie nicht. Besonders heute nicht.
     Nach einer Wegkreuzung wurden es mehr Spuren: von Winterstiefeln, von Hundepfoten, dazwischen auch das Profil von Sportschuhen: bestimmt ein anderer Läufer.
     Ein anderer Läufer, zwei Spuren, und immer der gleiche Gedanke, der sich einfach nicht abschütteln lassen wollte. Ja, zu zweit waren wir hier gelaufen, letztes Jahr an Weihnachten. Und eigentlich war unser Lauf schon zu Ende gewesen, aber Helmut hatte noch ein kleines Stück dranhängen wollen. Also hatten wir uns frohe Weihnachten gewünscht, dann war er alleine weitergelaufen. Die Dämmerung senkte sich über die schweigenden Wipfel, damals, und sie schien dunkle Ahnungen auszubrüten. Aber es war ja Weihnachten, beschwichtigte ich mich. An Weihnachten passiert schließlich nichts? Doch ich irrte mich.
     Ich sah Helmut nie wieder.
     Helmut ist an jenem Abend noch bis zur Bundesstraße gelaufen. Dann kam dieses Auto, viel zu schnell. Alles war so rasch passiert. Und eine Familie hatte vergeblich unterm Weihnachtsbaum gewartet. Um Mitternacht hatte doch noch die Klingel geschrillt und seine Frau war voller Hoffnung zur Tür gestürzt. Aber draußen stand nicht ihr Helmut, sondern ein Polizist, der verlegen seine Mütze in der Hand hielt. Da hatte sie begriffen. Viel später erst die Kinder.
     "Furchtbar" - das ist nur ein Wort. Ein schwaches Wort.
     Helmut hatte noch so viel vorgehabt! Er hat mir noch bei diesem letzten Lauf von seinen Zukunftsplänen erzählt: Von der neuen Arbeitsstelle. Von dem Haus, das er bauen würde. Auch von Marathons hatte er geträumt: von London, und von vielem mehr. All das musste nun unerledigt bleiben.
     Wenn es einen Gott im Himmel gab: Warum war er so grausam? Wie konnte er es wagen, diesen fröhlichen, unschuldigen Menschen aus dem Leben zu reißen? Und ausgerechnet an Weihnachten! Warum? Warum? Warum? Viele Fragen, keine Antworten. Gott schwieg. Aber ein quälender Teufel flüsterte mir Tag und Nacht ins Ohr: Du hättest Helmut noch aufhalten können. Du hättest. Du hättest ...
     Jetzt, als ich wieder über diese Wege lief, strömten die schmerzhaften Erinnerungen durch meine Adern wie glühende Lava. Was – so fragte ich mich - würde ich tun, wenn ich wüsste, dass diese Stunde meine letzte wäre? Könnte ich auf mein Leben zurückblicken und sagen, dass ich das Richtige getan hatte? Ich schreckte vor der Antwort zurück. Aber eine andere Antwort, die wusste ich: Was nämlich mein größter Wunsch wäre. Ich wollte, dass ich heute mit Helmut durch den Wald laufen könnte, so wie letztes Jahr. Und alles wäre wieder gut. Alles.
     Ich schaute zu Boden. Nur noch zwei Spuren zogen vor mir durch den Wald. Und bei einer von ihnen fiel mir etwas Merkwürdiges auf: An zierlichen Tritten konnte ich die Abdrücke von Zehen erkennen. Von blanken Zehen! Wer war so verrückt, barfuß durch den Schnee zu gehen?
     Dann sah ich die beiden. Einen Mann, offenbar ein Läufer wie ich, und er hielt ein kleines Kind an der Hand. Es war tatsächlich barfuß. Ein schlimmer Verdacht durchfuhr mich: Hatte ich einen Kinderschänder überrascht? Man las oft genug von solchen Perversen in der Zeitung. Ja: Der Mann verschleppte gerade dieses Kind!
     Ich sprintete auf die beiden zu; der Mann lief ebenfalls los. Das Kind hielt er fest. Ein verbissenes Wettrennen begann. Aber ich kam nicht näher.
     "Halt!" rief ich keuchend. "Stehen bleiben!"
     Das Unerwartete geschah: Sie blieben wirklich stehen und drehten sich um. Ich hetzte auf sie zu. Was dann geschah, dauerte nur wenige Sekunden. Ich sah das Kind: Es hatte ein weißes, langes Hemdchen an, sonst nichts. Aber es schien nicht zu frieren oder Angst zu haben. Ganz ruhig stand es da. Der Mann winkte mir zu, ich erkannte sein lachendes Gesicht. Und erschrak. Das konnte nicht sein!
     "Helmut?" stotterte ich. Dann schrie ich es heraus: "Helmuuuut!"
     Ich stolperte über eine Wurzel und stürzte der Länge nach in den Schnee. Umständlich rappelte ich mich hoch. Das Kind und der Mann ... (Helmut? Das konnte unmöglich Helmut sein!) - sie waren weitergelaufen. Ihre Spuren verschwanden hinter einer Fichtenschonung.
     So schnell ich konnte, hastete ich ihnen nach, bog auf ein langes, schnurgerades Stück Waldweg und sah ... nichts. Einfach nichts. Die beiden waren nicht da. Nur ihre zwei Spuren prägten sich ins blanke Weiß. Spuren von großen Laufschuhen und von nackten Kinderfüßchen.
     Ich stapfte ratlos weiter. Die beiden konnten doch nicht einfach verschwinden? Ihre Spuren ... Ich staunte noch mehr: Sie wurden von Schritt zu Schritt flacher. Leichter. Zuletzt blieb nur noch eine kaum sichtbare Mulde, wie mit den Fingerspitzen flüchtig über den Pulverschnee gewischt. Dahinter streckte sich ein glattes, stilles Meer aus Schnee.
     Ich weiß nicht mehr, wie lange ich dort stand und grübelte. Das da - das war doch unmöglich? Fliegen - dieses Wort tauchte wie ein U-Boot aus meinen Gedanken: Fliegen. Aufwärts. Weit hinauf, ganz weit. Ich wandte mein Gesicht dem grauen Himmel entgegen, aus dem es zu schneien begonnen hatte. Kleine, federleichte Flocken schaukelten herab. Wie gefrorene Tränen, die auf meinen Wangen tauten. Und auf einmal verstand ich: Heute war Weihnachten. Der Tag, an dem man sich etwas wünschen durfte. Und mein größter Wunsch war gerade in Erfüllung gegangen: Ich war noch einmal ein Stück weit mit ihm gelaufen.
     Tief holte ich Luft, dann rief ich, so laut ich konnte: "Fröhliche Weihnachten, Helmut!"
     Eine Handvoll Schnee rutschte von einem Tannenzweig und rieselte als silbrig staubender Fächer durch die Luft. Und der Zweig schwankte noch eine Weile, als ob er mir zuwinken wollte.
     Ich nickte. Jetzt war alles gut. Ich blickte zur Uhr: Schon längst Zeit, nach Hause zu laufen. Daheim erwartete man mich. Auch Helmuts Familie wartete heute wieder. Jeden Abend warteten sie auf denselben Menschen, obwohl ihnen der Verstand sagte, dass dieser Mensch nicht mehr kommen würde. Aber heute würde ich ihnen erzählen, was ich erlebt hatte. Und dann würden sie wissen, dass ihr Warten einen Sinn hatte. Besonders heute. Denn heute war Weihnachten.
     Nachdenklich setzte ich mich wieder in Bewegung. Zog die Mütze tiefer ins Gesicht. Die Flocken wirbelten jetzt in dichten Wolken zur Erde. Bald würden alle Spuren wieder zugedeckt sein. Ausgelöscht und vergessen. Doch ich wusste: In meinem Herzen würden sie niemals verschwinden: seine Spuren.
     Leb wohl, Helmut! Lauf weiter - wo immer du jetzt bist.
      

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