Umweg

© Lauftreff Hainsacker


     Eigentlich hätte es ein ganz normaler Tag werden sollen. Und ein ganz normaler Trainingslauf. Ohne Umweg. Eigentlich.
     Doch es kam alles ganz anders ...
     "Schön heute zu laufen", denke ich, als ich an der altbekannten Weggabelung nach rechts abbiege. "Gute Luft hier im Wald", und ich atme tiefer durch. Muss ich auch, denn ich laufe schnell. Einige Kilometer habe ich schon zurückgelegt, und jetzt geht es erst richtig los. Trainings-Alltag.
     Vor mir liegt noch ein ziemliches Stück Weg. Die Strecke ist genau festgelegt. In Gedanken sehe ich sie vor mir: Zuerst diesem breiten Hauptweg weiter folgen, dann bei der Fichtenpflanzung nach rechts und die Hügelkette hinauf. Von dort aus wieder steil abwärts bis an den Waldrand, dort, wo die Felder beginnen. Wo es würzig nach Heu und Erde duftet. Von dort ist es nicht mehr weit bis zum Ausgangspunkt. Aber erstmal muss ich so weit kommen.
     "Nicht langsamer werden, schnelles Tempo, durchhalten!", murmle ich vor mich hin. Längere Zeit ist nur das Knirschen des Kiesbodens unter meinen Schritten zu hören. Links, rechts, links, rechts. Ein paar Vögel singen. Ab und zu dringen Sonnenstrahlen zwischen den dicht stehenden Bäumen hindurch.
     Ich erreiche die Fichtenpflanzung. "Warum eigentlich hier immer nach rechts?", frage ich mich plötzlich. "Heute habe ich genug Zeit, niemand wartet auf mich. Wie wär's denn, einmal den Weg nach links auszuprobieren?"
     Es gibt Momente im Leben, da entscheidet man sich ganz schnell.
     "Auf ins unbekannte Territorium!" Warum ich noch nie hier entlang gelaufen bin? Keine Ahnung. Ich werde mich jedenfalls am Sonnenstand orientieren können, um den Rückweg ... Ah, was für ein Jammer: Gerade jetzt müssen Wolken aufziehen. Na gut, dann muss es auch so gehen.
     Immer tiefer hinein in den dichten Wald. Unbekannte Wege zur Linken und zur Rechten ziehen vorbei. "Nur immer weiter!" Irgendwann müsste ich mal nach rechts abbiegen, allmählich einen Kurs zum Ausgangspunkt einschlagen. Ja, in dieser Richtung sollte er liegen. Irgendwie werde ich schon wieder auf den Hauptweg kommen. Doch die ganze Gegend kommt mir fremd vor.
     Es wird merklich dunkler. Dicke, schwarze Wolken schieben sich vor die Sonne. Windböen fahren durch die Baumwipfel, schütteln sie heftig, bringen sie zum Rauschen und Seufzen. So, als müsste man verstehen, was sie rufen. Doch ich verstehe sie nicht.
     Ungeduldige Blicke zur Uhr. Allmählich werde ich hektisch. "Wann kommt mein Weg?" Womöglich regnet es bald? Trotzdem, jetzt erst recht: "Nicht stehen bleiben, bis du am Ziel bist."
     "Erst wenn man sich überwindet, kann man über sich selbst hinauswachsen."
     Schlaue Sprüche von Leuten, die nie hinter ihrem Schreibtisch hervorgekommen sind? Egal. Lauf!
     Die Zeit scheint sich immer mehr zu dehnen, auf jeden Fall bin ich schon viel länger unterwegs als normal. "Das gibt’s doch gar nicht!" ärgere ich mich. Stimmt die Richtung auch wirklich? Hätte ich vorhin doch eher die andere Abzweigung nehmen sollen?
     Kann ich jetzt auch nicht mehr ändern, und "Angehalten wird nicht!"
     Kies knirscht unter weichen Laufsohlen. Regelmäßiges, aber schon längst nicht mehr so leichtes Atmen. Sonst kein Geräusch und kein Wind mehr, alles still. Keine Menschenseele hier, außer mir. "Sofern man mir eine zubilligen will", denke ich ironisch. Galgenhumor, immerhin.
     Und als ich schon befürchte, nie mehr aus diesem Wald herauszufinden, ist er wieder da: der Hauptweg! Liegt auf einmal ganz unschuldig vor mir, als wäre es das Normalste auf der Welt. Ich schaue zurück. "Ach da bin ich jetzt!" Merkwürdig, was es hier im Wald für Umwege gibt. Da bin ich ja praktisch schon am Ziel.
     Und tatsächlich taucht nur ein paar Minuten später die Helligkeit des Waldrands vor mir auf. Da steht das Auto. Endlich geschafft, stehen bleiben dürfen, ausschnaufen, den Schweiß von der Stirn wischen.
     "Uff!" denke ich mir. "So ein Umweg – einmal und nie wieder!" Das hat bestimmt eine halbe Stunde länger gedauert als sonst. Wie zum Trotz muss natürlich jetzt die Sonne wieder hinter den Wolken herauskommen. Mit der hätte ich die Richtung schneller gefunden. Aber vergiss es. Jetzt gibt es erstmal etwas zu trinken. Tut gut. Auch ein frisches, trockenes T-Shirt. Die kleinen Freuden eben. Ich setze mich hinters Steuer, um zurück in die Stadt zu fahren.
     Während ich auf der leeren Straße dahinfahre, schleicht sich allmählich wieder der Alltag in meinen Kopf zurück. All die Pflichten und Probleme, die ich unterm Laufen so schön vergessen konnte. Da werde ich plötzlich aus meinen Gedanken gerissen: Ein Krankenwagen blockiert die Straße, da: noch einer! Polizei mit Blaulicht, und eine Schlange wartender Fahrzeuge. Scharf abbremsen! Schon stehe ich.
     "Was ist denn passiert?" frage ich durch das heruntergekurbelte Seitenfenster einen Polizisten auf der Straße.
     "Da vorne kommen sie für die nächste Zeit nicht durch", antwortet er. "Ein alter Baum ist vorhin vom Wind umgeworfen worden und blockiert die Fahrbahn, genau hinter einer scharfen Kurve."
     Ich nicke. Diese Kurve kenne ich gut.
     "Leider hatte ein Autofahrer vor einer halben Stunde nicht so viel Glück", erklärt der Polizist.
     Erschrocken sehe ich ihn an, direkt in die Augen, eine stumme Frage. Der andere schüttelt nur bedächtig den Kopf.
     "Für den Fahrer kam jede Hilfe zu spät. Es ist besser, wenn sie jetzt umkehren und die Umgehungsstraße nehmen."
     Eine prickelnde Kälte rinnt mir den Rücken hinunter. Eine halbe Stunde früher nur? "Mensch", schießt es mir durch den Kopf, "wenn ich normal gelaufen wäre, dann hätte es ja passieren können, dass ICH ..."
     Auf einmal ein wilder Gedanke: Mein Umweg hat vielleicht mehr als nur eine halbe Stunde ausgemacht. Jetzt könnten Jahre und Jahrzehnte daraus werden.
     Aber wer kann so etwas schon wissen? Nur das letzte Ziel bleibt immer gewiss. So weit wir auch zu laufen versuchen: Einmal wird eine Ziellinie kommen, an der keiner der Erste ist. An uns liegt es, ob wir uns dann trotzdem als Sieger fühlen werden.
     Und mein Umweg von diesem Tag? Ich habe ihn später nie wieder gefunden.

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